Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen
Mittwoch, 09. Januar 2008 um 18:00 Uhr

Sein wie keine andere. Simone de BeauvoirDenken, Leben und Schreiben

- Simone de Beauvoir: Philosophin, Schriftstellerin und Gesprächspartnerin Sartres -

Ingeborg Gleichauf nähert sich einer Schriftstellerin an, "der man zuschauen kann beim Schreiben" und einer Philosophin, "der man zuschauen kann beim Denken."

Am 9. Januar 2008 wäre Simone de Beauvoir 100 Jahre alt geworden.
Die französische Philosophin und Schriftstellerin wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen keine Autonomie kannten. Die "Tochter aus gutem Hause" durchbrach dieses Muster. Sie gehörte zu den ersten, die durch ihren Bildungsweg finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern erlangten und ihr Leben jenseits aller bürgerlichen Konventionen lebten.

Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau haben das intellektuelle Leben Frankreichs und Europas im 20. Jahrhundert entscheidend und unvergesslich mitgeprägt.
Simone de Beauvoirs 100. Geburtstag bietet die Chance einer Neuentdeckung, die Entdeckung einer Frau, die schon als junge Studentin ein klares Ziel hatte: "Sein wie keine andere".

Mit ihrem Lebensgefährten Jean-Paul Sartre führte sie eine symbiotische Beziehung, die jeglichen Rollen- und Beziehungsmodellen der Epoche widersprach. Im Alter von einundzwanzig Jahren schloss sie mit dem zwei Jahre älteren Philosophen einen, um Umfeld der dreißiger Jahre skandalös und provozierend wirkenden "Pakt". Als Gegenentwurf zur konventionellen Ehe definierte er eine neue Form von Paarbeziehung, die erotische Freizügigkeit ein-, dafür jedoch jede Form von Heuchelei ausschließen sollte, eine Partnerschaft von gleich zu gleich und auf allen Gebieten.

Die Autorin Ingeborg Gleichauf, die Philosophie und Germanistik studiert und bereits mehrere Philosophinnen und Dichterinnen porträtiert hat, ist überzeugt, dass Simone de Beauvoir jungen Menschen auch heute noch etwas zu sagen hat. Und wirklich: Die Leser lernen eine faszinierende Persönlichkeit kennen, die in ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft immer noch Vorbild sein kann. Mutig und konsequent ging Simone de Beauvoir ihren Weg, angetrieben von ihrer immensen Neugierde auf die Welt.

Flaneurin des Geistes

De Beauvoir war eine Flaneurin des Geistes, deren große Bedeutung bis heute auch nicht annähernd gewürdigt worden ist. Sie lebte ihr Leben sperrig, widerständig, rebellisch und war eine großartige Denkerin. Sie hat scharfsinnig über die Rolle der Frau nachgedacht und in den philosophischen Fragen ihrer Zeit unüberhörbar mitgeredet.
Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung betrachteten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir als die Fundamente aller Werte: erst durch seine Handlungen definiert sich der Einzelne; es komme darauf an, sich zu entscheiden, ohne sich hinter Traditionen und Religionen, Doktrinen und Ideologien zu verstecken - auch wenn die Verdammung zur Freiheit Angst hervorrufe.

Die Annäherung an de Beauvoir gestaltet Ingeborg Gleichauf sehr persönlich. Sie holt eine faszinierende und streitbare Persönlichkeit an die Oberfläche. Dabei steht in diesem Buch nicht der wissenschaftliche Anspruch im Vordergrund. Die Perspektive, aus der dieses Porträt geschrieben wurden, ist fast mit einem Tagebuch aus de Beauvoirs Feder vergleichbar, die ihre Lebensgeschichte dem Leser chronologisch erzählt und erklärend beleuchtet.
Die Freiburger Publizistin Ingeborg Gleichauf versetzt sich ganz tief in de Beauvoirs Denk- und Verhaltensweisen, zeigt aber wiederum mit eigenständigem Blick, mit welcher Wachheit und Energie Simone de Beauvoir auf gesellschaftliche und politische Veränderungen reagierte und wie sehr sie mit ihrem Leben und Werk noch immer zu faszinieren vermag.

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Schlaglichtartig treten einzelne Facetten ihrer Persönlichkeit hervor: ihre Jugend, die Rebellion gegen die bürgerliche Moralvorstellung ihres Elternhauses, ihr Weg zur Philosophin und Schriftstellerin, die Zeit des II. Weltkrieges, ihre Beziehungen (philosophischer und erotischer Natur) zu Jean-Paul Sartre, zu Nelson Algren, zu Claude Lanzmann und zu Sylvie le Bon.

Irrtümer werden nicht ausgespart

Ein ganz großer Pluspunkt des Buches ist, dass es zwar mit viel Sympathie für die Protagonistin geschrieben wurde, sie aber weder vereinnahmt, noch zur Heldin verklärt.
Der Leser erfährt nicht nur vieles über de Beauvoirs Schwächen, ihre Selbstzweifel, ihre Niederlagen, die sie in der Regel auch selbst schonungslos reflektiert hat. Auch ihre - aus heutiger Sicht - Irrtümer werden nicht ausgespart.
Wir erleben eine Frau, die ihre tiefgründige Bindung an Sartre mit viel Verständnis beleuchtet und ihre selbst gewählten sexuellen Freiheiten, die doch auch nicht schmerzfrei waren, kritisch analysiert hat.

Es ist ein Vergnügen, der Lebensgeschichte der aus bourgeoisen Verhältnissen stammenden Rebellin zu folgen, ihre Entwicklung von der zunächst politisch desinteressierten, aber geistig ungemein beweglichen jungen Frau, zur engagierten Frauenrechtlerin mit sozialistischen Tendenzen zu begleiten.
Gleichwohl macht die Autorin Lust darauf, sich Simone de Beauvoir noch intensiver zu nähern: ihre Bücher zu lesen und vor allem zu entdecken. Denn, so Gleichauf, "man kann eine Frau kennen lernen, deren gesamtes Werk nur in Verbindung mit ihrem Leben verstanden werden kann und deren Leben ohne ihr Werk ebenfalls unverständlich bleibt."

Schwungvoll erzählte Biografie

Das Buch liest sich leicht, fast wie ein Roman, und ist doch sehr detailgenau und differenziert. Gewissermaßen erlebt man de Beauvoirs Leben - jede Reise, jede Liebschaft, jede neue Erfahrung, jedes Buchprojekt - noch einmal mit ihren eigenen Augen. Es ist Ingeborg Gleichauf sehr gut - das heißt ohne waghalsige Spekulationen, aber durchaus mit kritischem Abstand - gelungen, de Beauvoirs einzelne Lebensabschnitte mit ihren jeweiligen Romanen und philosophischen Schriften zu verzahnen.

Sein wie keine andere ist eine gute und schwungvoll erzählte Biografie, in der der Leser noch viele Seiten von Simone de Beauvoir entdecken kann, die bislang noch nicht bemerkt wurden. "Das Buch ist eine gute Möglichkeit, sich de Beauvoir auf einer Weise zu nähern, die ungewohnt ist und die sie aus ihrer Erstarrung herausnimmt und ihr etwas Neues und Lebendiges gibt.", sagt die Autorin selbst.

Eine Zeittafel mit den wichtigsten Lebensdaten sowie zahlreiche Bilder ergänzen das Werk. Beigefügt ist außerdem ein Pariser Stadtplan, auf dem de Beauvoirs wichtigste Adressen, Cafés, Bibliotheken, Parks etc. verzeichnet sind; geradezu prädestiniert, sich dieser bemerkenswerten Frau ganz persönlich, also vor Ort zu nähern.
Ein Buch für all jene, die neugierig sind auf das Leben und Werk von Simone de Beauvoir. Also auch für all jene, die die Denkerin noch gar nicht kennen. Und es spricht gleichfalls ganz konkret auch jugendliche Leser an.

Fazit:"Sein wie keine andere" ist die durchgehend geschickte Verflechtung von Beschreibung und Analyse mit Zitaten aus de Beauvoirs Tagebüchern, Briefen und Werken; ein absolut authentisches Werk, das sich stellenweise wie eine Autobiografie liest.

Damit setzt die Autorin genau das um, was de Beauvoir einmal selbst über sich gesagt hat: "Mein Werk ist mein Leben."

Bibliographische Angaben

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Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir
Ingeborg Gleichauf

dtv
München, Oktober 2007
298 Seiten, Broschiert,
ISBN 10: 3423623241
ISBN 13: 978-3-423-62324-7
Preis: 8,95€

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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 10. Januar 2008 um 17:05 Uhr