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Buch des Monats Tender Bar
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Geschrieben von Sylvia Göthel
Donnerstag, 01. März 2007 um 12:50 Uhr
J.R. Moehringer: Tender Bar Eigentlich schreibt JR Moehringer Geschichten über Andere. Zum Beispiel über Schwarze in Amerika oder Obdachlose. Für eine Story über eine Fährverbindung zwischen einem schwarzen und einem weißen Dorf bekam er 2000 den renommierten Pulitzerpreis. Nun hat Moehringer wieder eine Geschichte geschrieben, diesmal aber keine 10 000 Zeichen-Story, sondern seine eigene Lebensgeschichte. 

"Tender Bar" ist 2005 in Amerika erschienen, führte dort monatelang die Bestellerlisten an und wurde von vielen Zeitungen zum "Book of the Year" gekürt. Zwar liest sich Tender Bar wie ein Roman, so betitelt es auch der S. Fischer Verlag, doch eigentlich ist es "a Memoir" - eine Erinnerung, eine Lebenserzählung also von der Moehringer schwört, dass alles tatsächlich so und nicht anders passiert ist

Moehringer beschreibt seine Entwicklung vom kleinen, siebenjährigen Jungen zum schwer trinkenden Reporter der Los Angeles Times. Grob gesagt jedenfalls. Im Feinen ist das Buch vielmehr eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Einsamkeit, die Kraft von Träumen und über die Liebe. Die Liebe zur Familie, zur Heimat, zu alledem dem was einen prägt und vor allem über die Liebe zum Alkohol.

JR Moehringer wächst in Manhasset auf, der einzigen Stadt auf Long Island, nach der ein Cocktail benannt wurde. Manhasset ist bekannt für zwei Dinge: Lacrosse und Alkohol. "Jahrein, jahraus produzierte Manhasset unverhältnismäßig viele herausragende Lacrosse-Spieler und eine noch größere Anzahl aufgeschwemmter Lebern." Ein schweres Erbe also, das Moehringer als Sohn dieser Stadt anzutreten hat. Und da er lieber Baseball als Lacrosse spielt, bleibt ihm eigentlich nichts anderes übrig als Trinker zu werden.

Kindheit ohne Vater 

Moehringer schreibt sein Leben wie einen Entwicklungsroman. Man könnte fast meinen, einen kleinen Oliver Twist vor sich zu haben. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter auf, der Vater, ein begnadeter Radiomoderator und gewalttätiger Schläger, zeichnet sich durch Abwesenheit aus. Die Vaterlosigkeit hinterlässt bei Moehringer eine tiefempfundene Einsamkeit, die zu seinem ständigen Begleiter wird. Da die Mutter nie genug Geld verdient, um mit dem kleinen JR in eine eigene Wohnung zu ziehen, wohnen sie, von ein paar kurzen Unterbrechungen abgesehen, im Haus des Großvaters. Das ist nicht nur das hässlichste und verkommenste Haus im Ort, auch "die Lebensbedingungen bei ihm waren denen eines Dickenschen Armenhauses nicht unähnlich". Zwar ist JR kein Waisenkind wie Oliver Twist, aber dennoch ein Kind ohne Vater, was für den Jungen in vielerlei Hinsicht mindestens genauso schlimm ist.

In diesem Haus also, das er selbst nur das "Scheißhaus" nennt, wächst JR auf, mit seinem grantig-kauzigen Opa, seinem manieriertem Onkel Charlie, seiner keifenden Tante und deren fünf Töchtern. Eindeutig zu viele Frauen, wie er findet, von denen er nichts lernen kann. Lernen kann JR nur von Männern, aber die gibt es ja leider in seiner Umgebung nicht. Daher sucht er die Männlichkeit zuerst in der Zwiesprache mit dem Radio, aus dem die Stimme seines Vaters klingt. Doch als er merkt, dass diese Stimme niemals antworten wird, sucht er die Männlichkeit bei der einzig wahren Stimme - Frank Sinatra. Die Männlichkeit, die JR sucht, findet er zwar nicht bei ihm, trotzdem bleibt ihm "Old Blue Eye" fortan wie die Einsamkeit ein treuer Begleiter. Aber letztendlich findet der kleine JR die Männlichkeit in Form seines Onkels Charlie, einem Barmann, Thekenheld, Spieler und Humphrey Bogart-Verschnitt. Mit seinen Geschichten vom Dickens, das ist die "Tender Bar", weckt er Sehsüchte und Assoziationen bei dem Kleinen. "Mit acht Jahren träumte ich ständig davon, ins Dickens zu gehen, so wie andere Jungen von einem Besuch in Disneyland träumten."

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Und irgendwann ist es soweit: Onkel Charlie führt ihn in die Welt des Dickens ein. Die Männer nehmen JR auf, erst als kleinen Neffen des angesehenen Barmanns, später als Freund und Saufkumpan. Im Dickens findet JR unzählige Ersatzväter: Joey D, Steve, Bobo, Colt, Fuckembabe, Bob the Cop und wie sie alle heißen. Bei ihnen fühlt sich der Kleine wohl, denn die Männer sprechen über die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Baseball, Boxen, Pferdewetten, Frauen und Alkohol. Stück für Stück führen sie ihn in die Rituale der Männerwelt ein. JR fängt an, sich ihre Gespräche auf Servietten zu schreiben, beobachtet sie beim Trinken, bis er irgendwann anfängt mitzutrinken.

Im Verlauf der Jahre wird die Bar für JR zu einem Zufluchtsort, in dem er sich vor der Welt verstecken, sie vergessen kann. Die Bar wird Familie, Heimat, Geborgenheit und Motivation: sie "nahm sich seiner an", gab ihm "seinen Glauben zurück", "hütete" und "rettete" ihn. Das Dickens bleibt auch in Zeiten, in denen JR nicht mehr in Manhasset lebt, sein Zuhause und sein Bezugspunkt. Zu ihr kehrt er zurück wenn er glücklich ist, um mit seinen Freunden zu feiern und er kehrt zurück wenn er leidet und Trost braucht. Die Bar ist da und nimmt ihn auf.

"Oh nein, nein, bitte nicht das auch noch"

Und Trost braucht JR Moehringer oft. Dank seines starken Willens und seiner großartigen kämpferischen Mutter schafft er es an die Elite-Uni Yale. Doch umgeben von Studienkollegen, die teure Hemden tragen und denen die Chauffeure die Koffer schleppen, ist er immer Außenseiter. Sein Versuch, durch Leistung, Ehrgeiz und Fleiß das ohnehin schon nicht sehr stark ausgeprägte Selbstvertrauen wieder herzustellen, scheitert kläglich. Er rackert sich ab und bleibt trotzdem immer nur Mittelmaß. Er verliebt sich in das schönste Mädchen von Yale, bekommt sie und muss sie dann doch wieder an den "Erbsohn" abgeben. Moehringer vollbringt Peinlichkeiten, bei denen man nur die Hände vors Gesicht schlagen mag und sich denkt: "Oh nein, nein, bitte nicht das auch noch". Moehringer gelingt es, einen der heiß begehrten Volontärsplätze bei der New York Times zu ergattern, er hat Potential und das wissen auch die Reporter. Doch dann vermasselt er seinen ersten wichtigen Auftrag und fristet fortan ein Dasein als "Copy-Boy", der Durchschläge abtrennt und den wichtigen Redakteuren Sandwichs holt. Moehringer ist ein talentierter Versager, ein Antiheld, den man in den Arm nehmen und trösten möchte, wenn er traurig ist und hemmungslos mit ihm trinken, wenn es ihm gut geht.

Mit seiner Lebenserzählung versucht Moehringer den Spuren nachzugehen, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Ob Moehringers Erzählung tatsächlich 100-prozentige Wahrheit ist, so wie er behauptet, kann dem Leser eigentlich egal sein. Denn Moehringers Geschichte ist beglückend und bewegend, sie nimmt einen gefangen und lässt so schnell nicht wieder los. Lebensgeschichten, die auf Selbsterkenntnis und Selbstfindung abzielen, laufen immer Gefahr, ins unangenehm Pathetische abzudriften. Von alledem aber ist Moehringers Buch weit entfernt. Seine offenherzige und charmante Sprache, von Brigitte Jakobeit großartig ins Deutsche übersetzt, lässt kein Pathos zu, dazu beschreibt er seine eigenen Fehltritte mit viel zu großer Ironie und Humor. Mit seiner genauen Beobachtungsgabe gelingt es Moehringer, ganz warmherzige und liebevolle Portraits der Menschen zu zeichnen, die ihn umgaben und geprägt haben. Gerade die Portaits der Bargänger, die sich irgendwo zwischen Dauersuff, Selbstzerstörung und gescheiterter Existenz bewegen, sind einfach wunderbar. "Tender Bar" ist stellenweise urkomisch und traurig zu gleich, auf eine einzigartige Weise, wie sie nur ganz wenige Bücher haben.

Und "Tender Bar" ist eine Liebeserklärung an eine Bar, die immer auch ein Spiegel ihre Zeit ist. In den 80ern trinken die Leute auf ihr Glück und ihren Erfolg, in den 90ern wird dort getrunken, um das Scheitern der 80er zu vergessen. Und nach dem 11. September trinkt in der Bar kaum einer mehr. Das Publicans, wie die Bar inzwischen heißt, verliert viele ihrer besten Trinker und Barmänner, Manhasset unzählige Väter. Der 11. September hinterlässt nicht nur eine leere Bar, sondern viele vaterlose Kinder, so wie Moehringer selbst eines gewesen ist.

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Bibliographische Angaben


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J.R. Moehringer
Tender Bar
S. Fischer Verlag
459 Seiten
ISBN 3100496027
Preis: 19,90 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 06. März 2007 um 12:45 Uhr
 

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