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Freitag, 01. März 2002 um 09:26 Uhr |
Zweieinhalb Jahre ist Amelie alt. Sie hat noch kein Wort gesprochen, und ihre Eltern nennen sie liebevoll "ihr Gemüse". Erst ein weltbewegendes Ereignis weckt das Bewusstsein des Kindes: die weiße Schokolade, die ihre Großmutter ihr an die Lippen hält. Das Kind begreift: Das Leben hat einen Sinn, und dieser Sinn ist Schönheit. Und so beginnt ein eigenwilliges kleines Mädchen, die Welt zu entdecken.
Das Faszinierendste an Amelie Northrops Roman Die Metaphysik der Röhren ist die Erzählperspektive. Es ist nicht neu, ein Kind zum Protagonisten einer Erzählung zu machen, aber Amelie, die kleine Tochter des belgischen Konsuls in Japan, ist eine Kreation von zauberhafter Eigenständigkeit. Während sie dem Leser ihre teils naive, teils altkluge Weltsicht anvertraut, fühlt der sich unweigerlich an die eigene Kindheit erinnert. Man war etwas besonderes, wenn nur die Eltern es erkannt hätten!
Nach ihrem wundersamen Erwachen, hervorgerufen durch die Süße der weißen Schokolade, versucht Amelie, die im Geiste längst sprechen kann und die Geheimnisse des Universums ergründet hat, rücksichtsvoll, ihre Eltern nicht durch eine plötzliche Enthüllung ihres Genies zu schockieren. Deshalb beschränkt sie sich zunächst einmal auf die Wörter "Mama", "Papa" und "Tod". Dabei weiß Amelie ganz genau, wenn sie nicht Gott ist, ist sie doch wenigstens der Regen. Sie ist allmächtig, und ihr japanisches Kindermädchen, das sie rückhaltlos anbetet, bestärkt sie in dieser Ansicht. Ein halbes Jahr lang genießt Amelie es, der Mittelpunkt des Universums zu sein, aber dann tritt ein entsetzliches Ereignis in ihr Leben, das die Idylle jäh zerbrechen lässt. Sie erlebt ihren ersten Herbst und erkennt die Vergänglichkeit ihrer Welt. Der Schock ist zu groß, und die Dreijährige beschließt, ihrem jungen Leben im Karpfenteich ein Ende zu setzten.
Amelie ist eine seltsame Kreation zwischen Realismus und Surrealismus. Hinter den ideensprühenden Einfällen, den witzigen Kommentaren und der naiven Selbstüberhebung des Kindes liegt ein melancholischer Hintersinn, der nachdenklich macht. Als die Kleine durch die Erkenntnis des sterbendes Gartens ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst wird, endet auch für den Leser eine zauberhafte Illusion von Zeitlosigkeit.
Über die Autorin:
Wie das Kind Amelie ist auch die junge belgische Autorin Amelie Nothomb etwas besonders. Ähnlich wie die Protagonistin verbrachte sie ihre Kindheit als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan. Ihr Debutroman Die Reinheit des Mörders war der Überraschungserfolg der Saison in Frankreich und begründete ihren Ruf als Nachwuchsstar der Literaturszene. Die Metaphysik der Röhren ist ihr dritter Roman.
Amelie Nothomb Die Metaphysik der Röhren
Diogenes Verlag
ISBN 3-257-06299-0
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