Die im letzten Jahr verstorbene Iris Murdoch war zweifelsohne eine der bedeutesten und auch produktivsten englischen Autoren
der Nachkriegszeit. Wie kaum ein zweiter Autor überwand sie den Graben zwischen Literatur auf der einen und Belletristik auf
der anderen Seite. Ihre Werke gehören zum Kanon der Universitäten und finden sich ebenso auf den Bestsellerlisten wieder.
Der von ihr 1978 verfaßte Roman markiert in gewisser Weise den Höhepunkt ihres Schaffens. Das Buch wurde mit dem
"Booker"-Preis ausgezeichnet und verbindet die Themen, an der die Philosophin Murdoch zeit ihres Lebens reges Interesse
bekundete: die Liebe und die Wahrheit.
Im Mittelpunkt der Handlung steht der gealterte Theaterregisseur Charles Arrowby, der nach einer äußert erfolgreichen Karriere
den Brettern die für ihn die Welt bedeuteten, endgültig den Rücken kehrte. In einem kleinen, verschlafenen Nest an der
englischen Westküste beschließt er sein Leben Revue passieren zu lassen, um es in seinen Memoiren festzuhalten. Doch die
scheinbare Idylle erweist sich als trügerisch. Sieht er doch eines Nachts ein riesiges Seeungeheuer aus dem Wasser
emporsteigen, dass für ihn zum Boten für das ihm drohende Unheil wird. Kurz darauf trifft er seine ehemalige Jugendliebe
Hartley wieder, die ihn einst unter mysteriösen Umständen verlassen hatte.
Sie lebt in eben jenem Dorf das Charles sich für sein Arkadien des Alters ausgesucht hatte. Sie ist nun verheiratet und trauert
um ihren adoptierten Sohn, der von seinem Zuhause ausgerissen ist. In Charles entflammt die alte Liebe und er ist
entschlossen, Hartley für sich zu gewinnen. Aus seiner Liebe heraus steigert er sich bald in einen Liebeswahn, der auch vor
Entführungen nicht halt macht. Das Opfer ist Hartley, die sich allen Annäherungsversuchen Charles standhaft entzieht. Charles
kann nicht glauben, dass seine ehemalige Geliebte, das bürgerliche Leben seiner unersättlichen Liebe vorzieht.
Erst als Titus, Hartleys Sohn, der unmittelbar bei Charles aufgetaucht ist und von ihm benutzt wird, um Hartley zu erpressen, bei
einem Badeunfall ums Leben kommt, erkennt Charles die eigenen Trugschlüsse. Die Hartley seiner Jugend ist nicht mehr die
Hartley des Alters, die ohne Illusionen, aber dennoch zufrieden lebt.
Der Erkenntnisprozess des Charles Arrowby ist essenziell für die Weltsicht der Autorin. Charles, der Theatermensch, vermag
zwischen der illusionären Welt der Bühne und dem Leben vor dem Vorhang nicht mehr zu unterscheiden. Für Murdoch ist dies
exemplarisch für die Situation des modernen Menschen. Charles Arrowby ist ein moderner Mensch, der von Iris Murdoch mit
großer Intensität gezeichnet ist. Die Charakterstudie des Protagonisten ist der Kern des Romans und gleichzeitig Illustration
der überragenden erzählerischen Fähigkeiten seiner Verfasserin. Der postmodernen Welt, in der menschliche Identitäten nur
noch Fragmente sind, tritt Murdoch entschlossen entgegen, indem ihre Figuren ein Leben hinter den Zeilen und außerhalb des
Romans entwickeln.
Iris Murdoch The Sea, the Sea
Penguin Books, 528 Seiten, 2001
ISBN 0-14-118616-X