Paris, zu irgendeiner Zeit. Ein Mann Ende 20, der am Beginn einer wissenschaftlichen Karriere steht, beschließt, sich im Badezimmer seiner Wohnung einzurichten und es nur noch in dringenden Notfällen zu verlassen. Während seine Frau in einer Kunstgalerie arbeitet und zwei polnische Maler in der Küche einen Tintenfisch ausnehmen, entdeckt er die wohltuenden Seiten der Lethargie.
Er grübelt über einen Brief der österreichischen Botschaft, die ihn zu einer Gesellschaft einlädt, was wohl ein Irrtum sein muß. Er beobachtet das Treiben der Handwerker, die in seiner Küche alles mögliche treiben, außer eben jene Küche zu streichen, macht sich Gedanken über die unsympathischen Vormieter der Wohnung, über gemeinsame Freunde, über das Leben außerhalb des Fensters, wo es die meiste Zeit regnet.
Schließlich, nach einiger Zeit, verläßt der Erzähler nicht nur fluchtartig die Badewanne, sondern auch gleich seine Frau und Paris und reist nach Venedig, wo er sich in einem kleinen Hotel einquartiert. Einige Zeitlang verbringt er dort in völliger Abgeschiedenheit, wechselt nur dann und wann ein paar Worte mit einem Barmann, der nur italienisch spricht. Er läßt die Tage dahinstreichen, bis er sich entschließt, seine Frau in Frankreich anzurufen. Sie telefonieren ein paar Mal, und schon bald prägen ihre Anrufe seinen Tagesrhythmus. Am Ende folgt sie ihm nach Venedig.
Sie versucht, ihn zur Rückkehr nach Paris zu bewegen, er aber will dies unter keinen Umständen. Gemeinsam verbringt das Paar einige Zeit in Venedig, sie streiten sich über Kleinigkeiten, der Erzähler sieht sich hin- und hergerissen zwischen ihrer Anwesenheit und der absoluten Ruhe, bis er sie eines Abends so schwer verletzt, daß sie ins Krankenhaus gebracht wird.
Der Erzähler bleibt nach der Rückkehr seiner Frau in Venedig, erkrankt dort an einer Nebenhöhlenentzündung. Er verbringt einige Tage im Krankenhaus, die ihn auf seine Operation vorbereiten sollen, macht die Bekanntschaft seines behandelnden Arztes und dessen Frau. Als er von einer Verabredung zum Tennis ins Krankenhaus zurückkehrt und feststellt, daß er sein Zimmer nun mit einem anderen Patienten teilt, beschließt er, nach Paris zurückzukehren. Eine Weile verbringt er dort seine Tage im Badezimmer, während die Verletzung seiner Frau langsam verheilt, dann beschließt er, den Raum wieder zu verlassen.
Jean-Phillipe Toussaints erster Roman „Das Badezimmer“, der in Frankreich bereits im Jahr 1985 erschien, ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Nicht nur, daß ihm mit dem Lehrsatz des Pythagoras ein ungewöhnliches Zitat vorangestellt ist, er in drei Teile, die drei Teile mit „Paris“, „Die Hypotenuse“ und „Paris“ betitelt sind, geteilt ist und sämtliche Absätze ordentlich durchnumeriert sind, auch inhaltlich und sprachlich geht der Autor ungewöhnliche Wege. Die Handlung scheint so leichtfüßig dahinzugehen, daß sie fast traumartig und surreal wirkt, was durch das ungewöhnliche Ende noch unterstrichen wird, gleichzeitig liegt unter allem eine große Bedeutungsschwere, die immer wieder durch die Oberfläche blitzt.
Der Leser wird zum Lachen gebracht, hält dann wieder gebannt den Atem an, wird perfekt unterhalten und dabei ganz nebenbei mit großen Fragen konfrontiert: die Geschwindigkeit des modernen Lebens, das persönliche Streben nach Glück, die Endgültigkeit getroffener Lebensentscheidungen – Fragen, die noch lange nachhallen, wenn das Buch längst zugeklappt ist. Toussiant hat mit „Das Badezimmer“ eines jener seltenen Bücher geschaffen, an denen es schwer fällt, irgend etwas auszusetzen, eben einfach einen perfekten Roman.
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Jean-Philippe
Toussaint Das Badezimmer (Originaltitel: La salle de bain) Aus dem
Französischen von
Joachim Unseld Frankfurter Verlagsanstalt 123 Seiten, gebunden, EUR 15,90 ISBN
3-627-00119-2