A.M. Homes neuestes Buch, das nun auch bei Heyne als Taschenbuch erschienen ist, trägt einen programmatischen Titel: "Dieses Buch wird Ihr Leben retten". Leben retten klingt schon mal prinzipiell nicht schlecht, denkt sich der Leser, und greift zu.
Die Geschichte handelt von dem Aktienmillionär Richard Novak, der völlig zurückgezogen in seiner Villa am Stadtrand von Los Angeles lebt. Er hat das Haus seit Monaten nicht mehr verlassen, als er eines Tages einen Herzinfarkt erleidet und sein Haus droht, einen Hügel hinabzurutschen. Die freiwillige Isolation, in die sich Novak begeben hat, wird plötzlich durchlässig.
Infolge der Ereignisse lernt Richard die unterschiedlichsten Menschen kennen: da ist der Donut-Verkäufer Anhil, ein indischer Einwanderer, der kindliche Naivität und Weisheit in sich vereint. Da ist die frustrierte Hausfrau Cythia, die sich nur mühsam aus ihrer unglücklichen Ehe befreien kann. Und da ist Nic, ein schrulliger Drehbuchschreiber, der sich später als gealterter Kultautor entpuppt. Mit all diesen Menschen verbindet Richard schließlich eine Freundschaft. Er entwickelt sich vom Einzelgänger zum Philantropen, der seine Mitmenschen – scheinbar unmotiviert – mit Geschenken und seiner Fürsorge überhäuft. Es ist das Gefühl, gebraucht zu werden, für jemanden da zu sein, das er über die Jahre schmerzlich vermisst hat. Denn die zweite Ebene der Geschichte ist diejenige eines Vaters, der keiner sein konnte. Richards Ex-Frau lebt zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn Ben an der Ostküste in New York. Das Verhältnis von Vater und Sohn ist zutiefst gespalten. Zu Beginn der Geschichte bricht der inzwischen erwachsene Ben mit seinem Cousin zu einem Road-Trip durch die Vereinigten Staaten auf, Los Angeles ist das Ziel. Richard fiebert der Ankunft seines Sohnes entgegen, er schwankt zwischen Vorfreude und Unsicherheit. Wie soll er seinem Sohn, den er über Jahre kaum gesehen hat, gegenübertreten?
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Das letzte Drittel des Buches fokussiert die Beziehung zwischen Richard und Ben. Langsam und mühsam tasten sie sich aneinander heran. Am rührendsten ist vielleicht die Szene, in der Vater und Sohn sämtliche Vergnügungsparks der Gegend abklappern in dem verzweifelten Versuch, die Vergangenheit nachzuholen. Am Schluss steht kein Happy End, aber doch ein zaghafter Schritt in Richtung Versöhnung. "Dieses Buch wird Ihr Leben retten" handelt also von den Tragödien des Alltags, von den beiläufigen Katastrophen, die das menschliche Dasein in unserer scheinbar sicheren und vorhersehbaren Welt nach wie vor erschüttern. Richard Novak führt ein Leben in nahezu klinischer Isoliertheit, als ihn das Leben quasi wieder einholt, über ihn hereinbricht und seine Welt aus den Fugen hebt. Es ist kein Zufall, dass die bewegte Erde unter Los Angeles eine so wichtige Rolle spielt: dem Protagonisten wird – im metaphorischen wie im reellen Sinn – der Boden unter den Füßen weggezogen. Homes parodiert hier auch die amerikanische Konsumgesellschaft, in der alles planbar und vorhersehbar geworden zu sein scheint, in der jedes Lebensrisiko durch eine Versicherung abgedeckt wird – die dann am Ende doch nicht zahlt. Es ist zugleich ein Buch über die Familie, über die Schwierigkeit, Familie zu leben, aber auch über ihre heilsame Kraft. A. M. Homes erzählt diese Geschichte mit der ihr eigenen Unaufdringlichkeit – ein Stil, der an Altmans großes Los-Angeles-Porträt "Short Cuts" erinnert. Seinem sicherlich verkaufsfördernden Titel wird das Buch letztendlich nicht gerecht; mein Leben hat es – aus welcher Gefahr auch immer – nicht gerettet. Es ist dennoch ein schönes Buch über Freundschaft, Familie und die Erhabenheit des Schicksals.