Alles ist vorbereitet: Die coolsten Chucks und die beste Röhrenjeans sind angezogen, der Pullover mit V-Ausschnitt sorgfältig über das Hemd gezogen, das NATÜRLICH noch unter dem Pulli rausguckt. Alle Band- und Indielabel-Buttons sind perfekt auf dem ausgewaschenen, alten Parka zurechtgerückt. Sprich: Der Indie-Fan ist ausgeh- und reisefertig. Bereit, eine neue Stadt zu entdecken.
Nun gut, Spaß beiseite, nicht alle Indie-Fans entsprechen diesem engen Klischee. Aber Fakt ist, dass die meisten nicht unbedingt auf massenkompatible Unterhaltung stehen. Leider ist es aber doch so, dass man eine fremde Stadt ohne Hilfe nur schwer ergründen und kennenlernen kann. Also besorgt sich auch der Indie-Tourist für die nächste Reise einen der angebotenen 0815-Reiseführer. Was bleibt ihm denn auch für eine andere Wahl? Und so kommt es, wie es kommen muss: Beim Kulturprogramm findet man sich inmitten von lärmenden, unaufhörlich fotografierenden, schlecht angezogenen und stumpfsinnigen Touristen wieder. Und dieselbe Reisegruppe, die schon im Museum genervt hat, sitzt auch im Restaurant, das der Reiseführer empfohlen hat. Und wenn der geschundene Indie-Tourist sich abends ins Pub flüchtet, um endlich den Spirit der Stadt aufsaugen zu können....wer sitzt da wohl mit ihm an der Theke?
Ganz klar, so geht es nicht! Man pflegt doch nicht jahrelang sein Image als Individualist und Mensch mit klar abgestecktem Geschmack um dann solchen Widrigkeiten ausgesetzt sein. Kein ortskundiger Indie-Fan würde sich sowas antun und sich mitten unter die Reisegruppen mischen. Aber wo nimmt man so schnell einen Einheimischen her, der einem verrät, wo man wirklich gepflegt sein "After-Sightseeing"-Bier trinken kann?
Ob Mirjam Kolb und Manuel Schreiner ähnliche Probleme hatten, ist mir nicht bekannt. Aber in jedem Fall haben sie die vorläufige Lösung: Den Indie Travel Guide! Das ist nun ein Reiseführer, der eben nicht von Reisejournalisten zusammengestellt wurde, die auch nur Besucher in den Städten sind, über die sie schreiben. Nein, in diesem Fall geben Einheimische die Tipps. Und das sind nicht irgendwelche Einheimischen, nein, es sind waschechte Rockstars. Bekannte und weniger bekannte Indie-Musiker stellen ihre Heimatstadt vor und geben ihre Lieblingsorte preis.
Anzeige Und besonders wenn man in Großbritannien unterwegs ist, gibt es viel zu entdecken. Sei es Newcastle mit Maximo Park, Brighton mit den Pipettes, London zum Beispiel mit Art Brut oder, oder, oder. Hier sind neben den unverzichtbaren Metropolen auch viele kleinere Städte mit ihren durchaus lohnenswerten Ausflugszielen, Klamottenläden, Galerien und ähnlichem dargestellt. Und nebenbei ist es doch nett, auch mal zu sehen, wo zum Beispiel die Kooks, Hard-Fi oder die Editors ihr Bierchen trinken gehen.
Der Travel Guide ist praktisch geordnet: UK, Deutschland und Westeuropa sind zu Abschnitten zusammengefasst, wobei die britischen Inseln ganz klar den größten Teil der etwa 570 Seiten einnehmen. Neben den typischen Reisezielen der einzelnen Länder sind auch einige Städte dabei, die man eher nicht als Standardziel ausgewählt hätte...beim Durchblättern beschleicht einen doch recht häufig die Frage, warum nicht schon früher jemand auf diese überaus gute Idee gekommen ist, während man nebenbei auch noch neue Bands für sich entdeckt.
Aber neben der wirklich guten Idee und tollen Umsetzung sind trotzdem einige Schwächen anzumerken. Besonders krass fällt der Kontrast zwischen UK und Resteuropa ins Gewicht: Neben der Fülle an Bands und Städten in Großbritannien, fällt dann doch die Lückenhaftigkeit im restlichen Teil des Reiseführers auf. Ganz sicher hat Frankreich mehr als drei erwähnenswerte Städte und auch mehr Indie-Bands zu bieten. Dass Belgien sich sogar auf eine einzige Stadt reduzieren lässt, ist schier unmöglich. Auch in Skandinavien - immerhin Mutterland von Bands und Sängern wie den Hives, Kristofer Aström, Teitur, Kaizers Orchestra und vielen mehr - sollte es mehr zu entdecken geben als diese paar Städtchen. Und in Südeuropa ein ähnliches Bild: Wenig Städte und wenig Bands.
In Deutschland immerhin noch eine etwas höhere Dichte an Städten und Bands, hier kann man mit Tomte, Delbo und einigen anderen Berlin unsicher machen (wobei es schade ist, dass hier vor allem Zugezogene zu Wort kommen, besonders wenn Tomtes Sänger Thees Uhlmann gleich zu Anfang erwähnt, dass er in Hamburg häufiger weggeht), sich von Klee durch Köln manövrieren lassen, mit Olli Schulz auf den Hamburger Fischmarkt oder auch mit The Robocop Kraus ein ominöses Loch in der Nürnberger Straßenlandschaft erkunden. Dass die Sportfreunde Stiller als Touri-Guide für München im Grunde nicht wirklich als Indie-Band zu sehen sind, kann man dabei noch verzeihen. Dass aber hier Städte wie Stuttgart oder Leipzig nicht auftauchen, ist mehr als schade.
Woran auch immer es gelegen haben mag, dass lediglich der UK-Teil wirklich ausführlich ist (mangelndes Interesse von Seiten der einheimischen Bands?), ist dies leider ein kleines Manko des Travel-Guides, der hoffentlich in folgenden Neuauflagen behoben werden kann. Für den tollen UK-Teil muss man aber allemal ein Lob aussprechen und für einen UK-Urlaub ist der Indie-Travel-Guide für Fans der handgemachten Musik ab sofort erste Wahl!
Manuel Schreiner, Mirjam Kolb Indie Travel Guide, UK und Westeuropa Rockbuch Verlag, September 2008
576 Seiten, broschiert, 19,90 Euro
ISBN 10: 3927638463
ISBN 13: 978-3927638464