Selten vereinen sich Extreme so intensiv in einem Buch wie hier: eine wunderschöne Aufmachung, ausklappbare Seiten, die Blicke auf Panorama- Bilder ermöglichen, auf Bilder, die sich irgendwie alle ähneln und doch ganz unterschiedlich sind. Ein Bildband, ausgefallen und nicht preiswert. Etwas Besonderes also. Der Inhalt des Buches: Porträts aus Slums, Ghettos, Armenvierteln. Da herrschen Armut, Elend, Not und es gibt wenig Raum für Hoffnung und eine bessere Zukunft. Aber es gibt da doch auch etwas Besonderes: Stolz, Zusammenhalt, Freude an Wenigem, Bescheidenheit.
Viele Monate war der norwegische Fotojournalist Jonas Bendiksen in Kenia, Indien, Indonesien und Venezuela unterwegs, und immer wieder bat er Menschen am Rande der Städte um Dasselbe: „Erzählt mir von eurem Leben hier“. Eindrücke, Stimmen, Momente hat er zusammengetragen „über das Leben in dem am schnellsten wachsenden menschlichen Lebensraum: den Slums“.
In den kommenden 25 Jahren, so prognostizieren die Vereinten Nationen, wird sich die Zahl der Slumbewohner auf 2 Milliarden Menschen erhöhen. „Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit hält die Armut Einzug in den Städten und es existieren kaum übergreifende Pläne, wie diese dem Zustrom der Menschen Herr werden könnten.“
Anzeige
Ein Buch, das sehr eindrucksvoll von den Albträumen in Megacitys berichtet, wie in Jakarta: „Der Verkehr steht kurz vor dem Kollaps, die Autoabgase hüllen die Gebäude in schmutzigen Dunst, die hygienische Grundversorgung ist unzureichend und die Kanalisation ist häufig mit Müll und Fäkalien verstopft.“
Dort wohnt Asani mit ihrer Familie in einer kleinen Hütte, innen dienen Werbebilder erfolgreicher Großunternehmen als Tapete. Paradoxer kann die Welt nicht sein. „In diesem kleinen Raum schlafen fünf Menschen. Wir quetschen uns zusammen, einer neben dem anderen. Wenn einer sich bewegt, bewegen sich auch die anderen.“
Bendiksens Bilder sind ebenso gegensätzlich wie das Buch selbst: großflächig und auf 20 Ausklappseiten präsentieren sie fotografisch perfekt und professionell Enge und karge Räume, einmal rundum, Bilder, die soviel beinhalten von doch so wenigem, das da ist, Bilder, die einen ganzen Lebensausschnitt zeigen, und vielmehr gibt es auch nicht für diese Menschen. Bilder, die zum Hinsehen zwingen, die betroffen und schweigsam machen, Bilder die einbeziehen, wütend machen und sehr nachdenklich zurücklassen. Bilder, die erfolgreich an unserem heilen Denken kratzen.
Jonas Bendiksen So leben wir: Menschen am Rande der Megacitys Knesebeck; August 2008
196 Seiten; gebunden; 29,95 EUR
ISBN-10: 3896605879 ISBN-13: 978-3896605870