Liest man den Namen Karin Slaughter denkt man beinahe unweigerlich an ihre Thriller-Reihe um Grant-County und das Ermittlerduo Sara Linton und Jeffrey Tolliver. Mit ihrem neuen Thriller "Verstummt" hat sie sich auf neue Pfade begeben, die allerdings, das mal gleich vornweg, nicht ganz unausgetreten sind.
Einer der Protagonisten des neuen Romans ist Michael Ormewood, verheiratet, Vater, nebenbei der Lover diverser Frauen und hauptberuflich Detective in Atlanta. In einer verrufenen Wohnsiedlung in Atlanta wird er zu einem Einsatz gerufen – und das Bild, das sich ihm wie seinen Kollegen bietet, könnte kaum erschreckender sein: Eine junge Prostituierte liegt tot und sichtbar geschändet im Treppenhaus. Dass dieser Mord Bestandteil einer Serie von Morden an jungen Frau ist, stellt sich schnell heraus, hat der Mörder auch seinem aktuellen Opfer die Zunge abgebissen. Michael bekommt in diesem Fall mit Will Trent einen Special Agent zugewiesen, mit dem zusammen er diesen Fall auflösen soll, was sich als äußerst schwerwiegend erweist, misstrauen sich beide vom Stand weg.
Anzeige
Die Handlung kulminiert in einem Mord, der sich in unmittelbar in Michaels Nachbarschaft ereignet. Auch hier wird ein junges Mädchen getötet und ihm die Zunge entfernt – in diesem Fall allerdings abgeschnitten und nicht abgebissen. Dieser Mord ist der Wendepunkt dieses Thrillers, in dem sich Rückblicke auf ein lang zurückliegendes Verbrechen mit den aktuellen Morden verbinden. Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich ab diesem Punkt sehr vorhersehbar und ist ein wenig zu arg nach Variante 3c des international anerkannten Krimibausatzkasten modelliert. Unnötig zu erwähnen, dass wir es mit einem äußerst gestörten Menschen zu tun haben, der hier junge Frauen aus sexueller Gier umbringt.
Wie eingangs erwähnt, begibt sich Slaughter einerseits auf unbekannte Abwegen, hat sie sich doch erst mal für dieses Intermezzo von ihrer etablierten Reihe verabschiedet, andererseits ist sie mit "Verstummt" auch keinerlei Risiko eingegangen. Die parallele Handlungsführung von Gegenwart und Vergangenheit ist leidlich gut gelungen, die Zusammenführung beider Stränge sogar recht überzeugend aber das Ende doch zu sehr konstruiert. Die Qualitäten, die sie ausgezeichnet haben, findet man dennoch zuhauf: Klare Dialoge, eine anfangs sehr spannende Handlung und ein genauer sezierender Blick vor allem auf die Toten. Gerade das geht allerdings ein wenig auf Kosten einer etwas detaillierten Personenbeschreibung der lebenden, handelnden Personen.
Slaughter-Fans kommen also sicherlich auf ihre Kosten (Stichwort: der Schlachter Ihres Vertrauens), wissen sie doch, was sie erwartet. Andere, die gerne mal die Autorin ausprobieren wollen, sind vielleicht bei Romanen wie Gottlos oder Belladona besser aufgehoben.
Karin Slaughter Verstummt Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr
Blanvalet, Oktober 2008
516 Seiten, gebunden, EUR 19,95
ISBN-10: 3764502665
ISBN-13: 978-3764502669