In "Himmelsstürmer" erzählt Alex Capus die abenteuerlichen Geschichten von zwölf Frauen und Männern. Auf zweihundert Seiten kann der Leser zwölf individuelle Wege annähernd chronologisch durch die zweihundert Jahre Geschichte von 1750-1950 verfolgen. Ausgangspunkt jeder dieser Lebenswege ist die Schweiz (wo auch der Autor lebt), welche alle portraitierten Persönlichkeiten verlassen, um sich auf die Suche zu begeben; einer Suche nach Geld und Ruhm, nach Erfahrungen und Herausforderungen.
Ihre Reisen führen sie nach Paris und London, Amerika, Afrika und einmal auch Sibirien. Die Wenigsten haben Gelegenheit, am Ende zufrieden auf ihr bewegtes Leben zurück zu blicken wie Marie Grosholtz, besser bekannt unter dem Namen, den sie auch ihrem Wachsfigurenkabinett gab: Tussaud. Zum Teil liegt dies an den riskanten Beschäftigungen eines Revolutionärs, Freiheitskämpfers oder Kriegskundschafters, zum Teil aber auch am großen Pech, das die Wissenschaftler und Erfinder anscheinend mit auf ihre Reisen genommen haben. Neben Marie Tussaud stellt uns Capus zwei weitere Frauen vor: Eine Soldatin unter Napoleon und eine Mörderin. Himmelsstürmer im eigentlichen Sinne finden sich drei: zwei Ballonfahrer und ein Physiker, der eine Möglichkeit zur Überwindung der Erdanziehungskraft entwickelt hat.
Das Ganze liest sich Dank des unprätentiösen Stils sehr angenehm und flüssig. Trotz der Fülle der historischen Details und Lebensumstände wird die Sprache nie kompliziert, umständlich oder zu trocken, ist stellenweise sogar humorvoll. Capus behandelt seine Protagonisten mit Respekt und wertet keine ihre Entscheidungen und Handlungen, die er möglichst genau zu rekonstruieren sucht, wobei er weder in Spekulation noch in unangemessen genaue Darstellung einer Quellenlage abdriftet. Zum Weiterlesen gibt es ein Literaturverzeichnis. Die Länge der Texte ist überschaubar, da sie alle zuerst in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden. Die Geschichten werden überwiegend chronologisch erzählt und jeweils mit einem Bild ergänzt.
Schade nur, dass das Buch ein zu Beginn gemachtes Versprechen nicht einlösen kann. Nach dem ersten Portrait von Madame Tussaud wird in den folgenden viel Aufwand getrieben, um das jeweilige Portrait in Beziehung zu ihr zu setzen. In den nächsten Geschichten wird das Wachsfigurenkabinett dann aber nur noch pflichtschuldig erwähnt, ein letztes Mal im achten Portrait. Danach verschwindet der vermeintliche rote Faden aus den Erzählungen.
Etwas enttäuschend zerfällt damit der Zusammenhang bei der Lektüre der zweiten Hälfte des Buches, obwohl Capus im Vorwort noch angekündigt: "...alles hängt mit allem zusammen". Dieser Glaube lässt ihn dann auch locker spekulieren, dass, hätte Samuel Johannes Pauli aus Vechigen bei Bern nicht das Hinterladergewehr erfunden und durch diese Erfindung Preußen nicht die Führungsmacht in Deutschland errungen, Hitler vielleicht als Kunstmaler in Wien geblieben wäre.
Fazit:
"Himmelsstürmer" enthält zwölf spannende Einzelgeschichten und – in den ersten Portraits – mehrere zusammenhängende Längsschnitte durch die Zeit der französischen Revolution.
Mögliche Leser dieses Buches könnten sich für Geschichte aus einem persönlichen Blickwinkel interessieren oder aber einfach neugierig auf ungewöhnliche Biografien sein.