Familienbande und ihre Realität! Als Veronica ihrer alten und vergesslichen Mutter die Todesnachricht von Liam, ihrem Bruder, überbringen muss, überfallen sie Erinnerungen an ihre Kindheit mit unnachahmlicher Gewalt. Liam hat sich Steine in die Hosentaschen gefüllt, ist ins Meer gewatet und ertrunken. Sein Tod rührt weit zurück liegende Errinnerungen auf, und Veronica wird von den Gedanken an Vergangenes und Zukünftiges überschwemmt. Aus der Ferne steigen Ereignisse hoch, die allmählich die ganze Familiengeschichte auf den Plan rufen. Irland und Dublin bilden die Orte der Handlung. Familiengeheimnisse und ihre Tragödien stehen im Zentrum des Geschehens.
Da war Ada, die schöne und sinnliche Großmutter. Wen wollte sie wirklich zum Ehemann: Nugent oder Charlie Spillane? Woher kam sie überhaupt? Wer war Veronicas Mutter, die ein Kind nach dem anderen auf die Welt brachte, ergeben und mit Hingabe aber wenig liebesfähig, denn sie kannte nicht einmal alle Namen der großen Kinderschar. Die erzkatholischen Eltern boten mit ihrer unermüdlichen Fruchtbarkeit einen Widerspruch in sich, und die Würde des Vaters ging darüber verloren. Zwölf Kinder und sieben Fehlgeburten waren das Ergebnis.
Der Großvater hatte einstmals hoch fliegende Berufspläne und scheiterte an sich selbst. Er liebte seine Frau und ging doch fremd, und nun setzt sich diese Gewohnheit in der jüngsten Generation fort. Veronica, die Icherzählerin, lebt mit ihrem flotten Ehemann und zwei Töchtern in einem adretten Reihenhaus. Durch die Familienereignisse gerät sie in eine schwere Lebenskrise.
Liam und Veronica schlossen sich einst eng zusammen und teilten Freude und Leid mit einander. Einer fühlte sich für den anderen verantwortlich, und Veronica stellt sich die Frage, ob sie diesem Anspruch wirklich gerecht geworden ist. Es gab da ein verdrängtes und bedrückendes Erlebnis für Liam anlässlich eines Besuchs bei ihrer Großmutter Ada. Als die Geschwister erwachsen wurden, trennten sich ihre Wege. Die Mitglieder der Familie Hegarty sind trinkfest, nur Liam und ein weiteres Kind wurden zu Alkoholikern.
Anne Enright schreibt meisterhaft und bedingungslos über die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ihrer Protagonistin. Unerbittlich gräbt sie in den tiefsten Tiefen der Seele und fördert geheime Gedanken zutage, die erschreckend sind, tragisch und wahrhaftig. Über Sex, den Tod, die Liebe, das Sterben und den Hass gehen die Reflexionen weit über das hinaus, worüber Menschen sich auslassen. Anlässlich der Trauerfeier für Liam findet noch einmal ein Familientreffen statt, und hier trifft man diejenigen, die übrig geblieben sind. Man lernt sie kennen, die Psychotiker, die Schüchternen, die Besonnenen und sieht, was aus den einzelnen geworden ist, und wo sie geblieben sind.
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Anne Enright schreibt fast meditierend - nachdenklich, teilweise sarkastisch und ironisch, immer aber in einem hoch reflektierten Stil über Familienleben und Kindheit. Dabei vermischen sich in der Rückschau kindliche Fantasien mit den möglichen Varianten, wie alles gewesen sein könnte. Die persönliche Note erhält das Buch durch die besondere Art der Reflexion, in der sich gute und negative Erinnerungen begegnen und Vergangenes und Gegenwärtiges in einander verschwimmen.
Mit der ausgezeichneten Fähigkeit, sich realistisch und kritisch, bedauernd und zweifelnd der Gegenwart und Vergangenheit zu stellen und alles zu hinterfragen, steht Anne Enright in der Tradition so bedeutender Autoren wie James Joyce, Jonathan Swift, Samuel Beckett, G. Bernard Shaw und anderer. Dieser Roman gehört zu den Meisterwerken aktueller Neuerscheinungen und wird sicher viele Leser begeistern.
Die hervorragende Übersetzung von Hans-Christian Oeser ist ausdrücklich zu erwähnen!
Anne Enright wurde mit dem englischen Booker-Preis 2007 für ihren neuen Roman ausgezeichnet.