Leben zwischen gestern und morgen, zwischen Reichtum und Armut.
Auf einer Müllkippe in Istanbul lebt Leyla, die einstmals als Tochter eines türkischen Diplomaten in Russland geboren wurde. Dort lernte sie in jungen Jahren das Schachspiel und begegnete bekannten russischen Schachgrößen wie Kasparow und anderen. Einem Schachspiel gleichen auch die Züge, mit denen sie ihr Leben angeht.
Zurück in Istanbul hat es sie ins Abseits verschlagen, wo sie auf einer Müllkippe das Dasein einer Königin unter den Außenseitern der Gesellschaft führt. Sehr genau wird das Müllkippenmilieu unter die Lupe genommen. Die Fantasienamen der Bewohner haben jeweils eine eigene Geschichte und sind an Literaturgrößen angelehnt oder nehmen Bezug auf vollbrachte Abenteuer der Figuren: der Vollstrecker, Tolstoi, Knochen oder wie immer die Namen aus den Lebensgeschichten entstanden sind.
Leyla bekommt als Herrscherin die besten Brocken aus den Müllresten, von denen auf der Müllkippe nur die übrig gebliebenen Abfälle der Müllsammler auf den Straßen ankommen. Makaber und abstoßend mutet das Milieu an, in dem sie lebt. Und doch zeigt sich, dass eine jede Gesellschaft, auch die der ganz und gar Ausgestoßenen, ihre eigenen hierarchischen Strukturen besitzt, um die gekämpft und gerangelt wird. Als sie eines Tages auf dem Berg der Müllkippe einen verletzten Mann sieht, ihn zu sich nimmt und pflegt, beginnt die Rachsucht der Untertanen, die um ihre eigenen Pfründe bangen. Auf der Müllkippe und auf der Strasse herrscht das Gesetz der blutigen Rache, des Feldzugs der Überlegenen gegen den Schwächeren und die Liebe zwischen jenen, die sich in der Gemeinschaft der Außenseiter auf der Suche nach Geborgenheit zu einander flüchten.
Dann tritt Yildiz auf den Plan: sie schreibt eine Biographie über den Dirigenten Karacan, unschwer als Karajan zu erkennen. Sie wird vom Geist ihrer verrückten Mutter behelligt und muss ständig zur Strafe auf einem Bein in einer Ecke des Zimmers stehen. Diese Strafe hat sie so verinnerlicht, dass sie auch nach dem Tod der Mutter darauf besteht, sich immer wieder der gleichen Maßnahme zu unterziehen. Sie ist ebenfalls Außenseiterin, wenn auch in der noch behüteten Geborgenheit eines Hauses mit einem Dach über dem Kopf.
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Voller Einfälle und Gedankenfülle ist in dem Roman nur schwer etwas Besinnliches oder Nachdenkliches zu erkennen.
Ziemlich verrückt muten die Geschichten der beiden Frauen an. Zeigen sich doch hier Schicksale, die in ihrer Eigenheit weit ab von den Normen unserer herkömmlichen Vorstellungswelt liegen. Als Opfer ihrer lieblosen Herkunft sind Leyla und Yildiz bemüht, selbst die aussichtsloseste Lage ihrer Erdentage selbständig in den Griff zu bekommen. Bedrückend sieht man Glanz und Elend in der überdimensionierten Stadt Istanbul.
Die Schicksale der beiden Frauen vermitteln tiefe Einblicke in die Einsamkeit und den Überlebensdrang, der sie beide vereint. Makaber, fantasievoll, teilweise grauenvoll und mit magischen Vorzeichen ausgestattet sind die Ereignisse, von denen berichtet wird. Die schrillen und grausigen Eigenheiten der von der allgemeinen Lebensfülle abgekoppelten Existenzen erleben hier ihre Auferstehung. Geschrieben ist der Roman mit einer solchen Sprachgewalt, dass man ihm Anerkennung zollen muss.
Er verlangt dem Leser Verständnis und Humor für die makaberen Seiten des Lebens ab. Mir hat sich der Inhalt zuletzt nicht erschlossen.