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Murathan Mungan auf dem Erlanger Poetenfest PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Birte Ziemann, am 25-09-2008 17:00
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TschadorEin lauer Sommerabend, spätsommerliche Temperaturen, perfekt um im Schlossgarten das Erlanger Poetenfest ausklingen zu lassen. Leider fand die letzte Veranstaltung nicht draußen statt, sondern drinnen: Ein internationales Autorenportrait zu Murathan Mungan mit Lesung. In der Türkei ist Mungan schon längst ein Star - jeder liest seine Bücher, seine Theaterstücke sind große Erfolge und wer als türkischer Popstar etwas auf sich hält, der hat mindestens einen Liedtext von Mungan vertont. 

Anders das Bild in Deutschland, wo von den mehr als 30 Büchern aus Mungans Feder bisher gerade einmal zwei veröffentlicht wurden. Hierzulande ist er noch ein Geheimtipp - was neben dem zu schönen Wetter wohl auch dazu führte, dass das Markgrafentheater in Erlangen nicht ausverkauft ist. Es hätten an diesem Abend noch mehr Menschen Platz gefunden, um sich ein Bild von Murathan Mungan zu machen.

Zusammen mit Recai Hallac liest er aus seinem Buch, Mungan auf Türkisch, Hallac auf Deutsch. Und auch wenn man als Zuhörer der türkischen Sprache nicht mächtig ist, zieht Murathan Mungan einen in seinen Bann, nimmt sein Publikum mit auf eine gefühlte, eine erahnte Reise. Die beiden Vorleser ergänzen sich perfekt und lassen Akhbar, den Helden aus "Tschador" gemeinsam von seinen Erlebnissen erzählen.

Tschador

Der junge Akhbar kehrt nach langen Jahren des Exils in seine Heimatstadt zurück. Lange hat er sich nach der Vertrautheit der Stadt und der Familie gesehnt, hat davon geträumt, endlich wieder in sein Land kommen zu können und das Gefühl des Heimwehs hinter sich zu lassen. Doch als er dann vor der Tür seiner Familie steht, muss er erkennen, dass dort nicht mehr seine Familie wohnt. Zwar ist die Stadt noch dieselbe, führen die Straßen noch immer dorthin, wo sie immer hinführten - doch trotzdem hat sich alles geändert.

Akhbar kann keinen Hinweis mehr auf seine Familie und seine Vergangenheit finden, noch dazu haben sich die gesellschaftlichen Bräuche geändert, so dass er auch keinen Zugang zur gegenwärtigen Situation findet. Die wohl gravierendste Veränderung ist wohl, dass die Frauen sich nun verschleiern müssen, nichts an ihnen deutet mehr darauf hin, dass sie unter der Burka auch noch einen Körper haben, auch die Mimik kann man hinter dem kleinen Sichtfenster eher schwer erahnen. Mit dem Verschwinden der Frauen aus dem Straßenbild, ist die Hälfte des Lebens verschwunden.

Anders als in der Fremde, in der ihn immer auch die Hoffnung auf die Heimat von der Verzweiflung abhielt, ist diese Hoffnung nun dahin. In der Heimat zu erkennen, dass man keine Heimat mehr hat, dass man sich nirgendwohin mehr zurückziehen kann - das löst wohl das stärkste Gefühl von Entwurzelung und Nichtzugehörigkeit aus, das man empfinden kann. Akhbar überfällt dieses Gefühl und erst als auch die letzte Hoffnung darauf, die Familie noch zu finden, getilgt ist, kann er erkennen, dass es nicht nur ihm so geht - und wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft schauen.

Über das Allgemeine schreiben, um jeden Einzelnen zu erreichen

Die Tatsache, dass Mungan mit keinem Wort erwähnt, in welchem Land seine Novelle spielt, führt dazu, dass man sie nicht bloß als Erzählung eines Einzelschicksals lesen kann. Vielmehr kann "Tschador" als Parabel auf die Situation in vielen Ländern des Nahen Ostens verstanden werden. Akhbars Geschichte wird dadurch zu einer universellen Geschichte, der Schauplatz zu einem "Überall" und Akhbar zu einem orientalischen "Jedermann". Dass die Geschichte viele verschiedene Menschen erreicht, war dem Autor besonders wichtig - denn kein Problem der Welt sei heute noch ein rein inneres Problem sondern in der Regel auch immer ein globales, sagt er. Umso wichtiger sei es, dass man versuche, einander besser zu verstehen.

Umso wichtiger ist es Mungan aber auch, dass die Aufmerksamkeit des Lesers völlig auf dieses gesellschaftliche Problem gelenkt wird - in diesem Fall die Heimatlosigkeit, Identitätsfindung und auch die Verhüllung. Daher hat er sehr bewusst einen Mann ohne Macht oder Einfluss als Helden ausgewählt, um nicht ein Frauen-Einzelschicksal zu erzählen, sondern auf die allgemeine Situation zu verweisen. Und das könne man eben am besten aus einer außenstehenden Position heraus.

Und dass das besonders gut über Literatur geht, betont der Autor auch im Gespräch mit Recai Hallac, das sich an die Lesung anschließt. Literatur könne ein Problem in seiner Gesamtheit darstellen und Verbindungen zu anderen Problemen aufzeigen. Zwar nutze er traditionelle, orientalische Erzählformen - doch spreche er trotz aller kulturellen Referenzen, die das mit sich bringe, allgemeinverständliche Themen an.

Aber trotz der ernsten Themen, die Mungan immer wieder in seinen Büchern anspricht, stellt er ganz klar fest, dass Literatur in erster Linie für den Genuss gedacht sei. Man könne und solle Literatur nicht schnell konsumieren, sondern sie mit ausreichend Zeit genießen und auf sich wirken lassen. In jeder Erzählung stecke auch die Möglichkeit, sich selbst in der Haut eines anderen Menschen zu erkennen und so andere Kulturen noch besser zu verstehen. Wer gar zu schnell die Erzählungen wieder beiseite lege, habe sicherlich nicht denselben Reflexionsgrad erlangt, wie ein intensiv über die Geschichte nachdenkender Leser.

Die Tür für das restliche Werk öffnen

Auf die Frage, ob es denn nicht frustrierend sei, in Deutschland quasi wieder bei Null zu starten, obwohl er in der Türkei doch schon ein Star der Literaturszene sei, antwortet Murathan Mungan erfrischend ehrlich. Ja, er spüre eine gewisse Last und Müdigkeit dabei, immer wieder neu anfangen zu müssen. Darüber hinaus sei es schwer, über die eigenen Werke zu sprechen - die vielen Fragen hinterließen immer die Sorge, dass nicht alles verständlich ausgedrückt worden sei. Über bereits fertig geschriebene und veröffentlichte Bücher zu sprechen, sei wie über eine alte, vergangene Liebe zu sprechen. Über einen Partner, der nun in einer neuen Partnerschaft lebt, dessen Leben auch nicht mehr mit dem eigenen verbunden ist. Mit "Tschador" soll sich nun in Deutschland eine Tür für seine Werke öffnen, damit auch die deutschen Leser den roten Faden, der sich durch seine Bücher ziehe, entdecken können.

Nach der Lektüre von "Tschador" und der Begegnung mit einem sehr offenen, intelligenten und vor allem interessanten Autoren kann ich mich diesem Wunsch nur anschließen. Und ich bin mir sicher, dass nicht nur ich gerne mehr von Murathan Mungan lesen möchte.

Bibliographische Angaben

Murathan Mungan
Tschador
Blumenbar Verlag, September 2008
126 Seiten, gebunden, 15,90 Euro
ISBN 10: 3936738416
ISBN 13: 978-3936738414



Letztes Update: 25-09-2008 16:24

Veröffentlicht in : Magazin, Kulturnews
Schlüsselworte : erlanger poetenfest, tschador, murathan mungan, blumenbar verlag
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