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Der kleine Bruder PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Dominik Nüse, am 26-09-2008 17:00
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Der_kleine_BruderEndlich – lange haben Herr Lehman-Fans warten und darben müssen – ist der dritte Band der "Herr Lehmann"-Trilogie von Sven Regener erschienen. Das Kuriose an dieser Trilogie ist neben dem einzigartigen Stil Regeners auch die Reihenfolge, in der die Bände dieser Trilogie erschienen sind. "Herr Lehmann", Regeners Debüt ist der letzte Band der Trilogie, "Neue Vahr Süd", sein zweiter Roman der eigentlich Eröffnungsband und nun "Der kleine Bruder" schließlich der bislang fehlende Mittelband.

Den Verkaufszahlen und der Beliebtheit Regeners bei Publikum und Kritik hat diese unorthodoxe Veröffentlichungspraxis keinen Abbruch getan. Zurecht, bestechen die Romane doch allesamt durch einen höchst originellen Ton, knochentrockenen norddeutschen Humor und schräge und dennoch lebensnahe Charaktere. "Der kleine Bruder" spielt im November 1980. Frank Lehmann hat sich durch einen fingierten Selbstmordversuch aus seinem Militärdienst davon gestohlen und reist nach Berlin, zu seinem großen Bruder Manfred, von dem er glaubt, dass er dort im sagenumwitterten Berlin eine ganz große Nummer ist. Allerdings stellt sich sehr schnell heraus, dass Manni spurlos verschwunden ist, was nicht nur daran liegt, dass man Manfred in Berlin nicht mit Manni sondern mit Freddi abkürzt und entsprechend niemand weiß, wer dieser Manni sein soll. Die WG, in der Frank seinen Bruder vermutete, nimmt ihn aber gerne auf – zumal Frank bereitwillig Mannis Mietschulden zahlt - und gewährt ihm einen durchaus irritierenden und verstörenden Einblick in das Künstler-Leben, das irgendwo zwischen Punk, Hausbesetzertum und beginnender Sesshaftigkeit changiert. Nur eines, seinen Bruder, den scheint er wirklich nicht zu finden.

Regener gelingt es auch in seinem dritten Lehmann-Roman, seinem Protagonisten neue Seiten abzugewinnen. Geblieben ist die – manche würden sagen: Umständlichkeit in Lehmanns Denken, andere würden sagen: Endlich jemand, der mal alles so richtig durchdenkt! Dabei ist die Geschichte dennoch in einer unverschämten Lockerheit und Lässigkeit erzählt, die ihm so schnell niemand nachmacht. Und trotz aller Skurrilität, die einem aus quasi jeder Textzeile entgegenspringt, nimmt man es dem Autor gerne und willig ab, dass es so und nicht anders gewesen war im Berlin der frühen 80er Jahre.

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Wo andere zwanghaft nach Gags suchen, hat man den Eindruck, Regener laufen sie alle freiwillig zu. Denn dass es eine Band Dr. Fotz gab, deren Sänger auf den Namen P. Immel hörte, steht außer Frage. Und wo andere Autoren viel Aufhebens darum gemacht hätten, bzw. wo man als Leser gedacht hätte, da will jemand einen gleichermaßen albernen wie blöden Scherz machen, erscheint das bei Regener alles so selbstverständlich, natürlich und normal. Woran das liegt, das bleibt sein Geheimnis.

Entsprechend flüssig und keinesfalls aufgesetzt liest sich das Buch auch. Das einzig Bemängelswerte an diesem Roman: Er ist zu kurz! Und wahrscheinlich wird man wieder etliche Jahre warten müssen, bis Herr Regener sich entschließt, ein neues Buch zu schreiben. Er hätte sogar noch Stoff übrig, seine Geschichten um Frank Lehmann fortzuschreiben. Denn allzu abrupt endet das Buch – und die Zeit zwischen dem Ende des Kleinen Bruders und dem Beginn von Herr Lehmann könnte ja auch noch durch ein neues Buch überbrückt werden. Dann hätten wir eine vierbändige Trilogie, was auch noch nicht all zu oft vorgekommen ist.

Ein ganz besonderer Genuss ist die Hörbuchfassung des Romans: Natürlich liest Regener höchstselbst und ungekürzt. Ähnlich wie sein Erzählstil ist auch sein Lesestil einzigartig und gleichzeitig faszinierend. Jeder Sprechtrainer würde ihm eine glatte 6 geben – Regener nuschelt, spricht zu schnell, ohne Punkt, ohne Komma – der geneigte Zuhörer aber lässt sich gerade dadurch fesseln.

Bleibt nur noch die Hoffnung auf weitere Regener-Romane, die allerdings sollte man wohl nur leise haben, denn Regener ist dem Hörensagen nach ein sturer Bock, der selten das macht, was man von ihm erwartet – und er ist einer, der sich diese Einstellung erstens verdient und zweitens durchaus leisten kann!  

 


Bibliographische Angaben


Sven Regener
Der kleine Bruder
ROOF MUSIC, August 2008
5 Cds, 324 Minuten
ISBN-10: 3938781793
ISBN-13: 978-3938781791
Preis. 24,95 EUR

 




Letztes Update: 26-09-2008 09:52

Veröffentlicht in : Hörbuch, Belletristik
Schlüsselworte : Sven Regener, Belletrisitk, Frank Lehmann, Manfred, Der kleine Bruder, Neue Vahr Süd, Herr Lehmann, Berlin, 80er
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