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Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 23-09-2008 17:00
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Mensch und Maus - zwei gar nicht so weit entfernte Verwandte

das_kooperative_gen_120.gifWenn Sie schon immer etwas über Ihren biologischen "Urknall" - die "kambrische Explosion" - dessen genomischen Nachbeben oder wie neue Arten entstehen, wissen wollten, dann lesen Sie unbedingt Joachim Bauers großartiges Buch "Das kooperative Gen". Auch dann, wenn Ihnen die ein oder andere Aussage vielleicht etwas Unbehagen bereitet. Spielen doch solch ganz und gar nicht ähnliche Organismen wie die Maus, aber auch die Fruchtfliege Drosophila melanogaster oder das Einzellerlebewesen Bierhefe (Saccharomyces cerevisiae) in der gleichen Liga wie der Mensch, zumindest was die Genzahl angeht ("Genprodukte des Menschen zeigen zu 46 Prozent eine Homologie mit denen der Hefe, zu 43 Prozent mit denen des Wurms und zu 61 Prozent (!) mit denen der Fliege." J. Bauer)

Wenn man heute in einer Suchmaschine im Internet die Wortkombination "liegt in den Genen" eingibt, so erhält man die erstaunliche Anzahl von 18.500 Treffern, die in irgendeiner Art und Weise eine Auskunft darüber erteilen, was man eigentlich nicht persönlich steuern kann. Denn die "guten" und "weniger guten" Erbanlagen eines Menschen sollen den Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Vorlieben und Abneigungen ausmachen. So liegt die Präferenz für Süßes, als auch der Geschmack im Allgemeinen, die Musik, Morgenmuffeln, Geselligkeit und Gute Laune, Zahlenverständnis, die männliche Beziehungsfähigkeit und noch eine Vielzahl anderer menschlicher Eigenschaften in den Genen. "Die Einsicht, dass Gene in ihrer Aktivität fortlaufend durch Umweltfaktoren und Lebensstile reguliert werden und dass dies den weitaus größten Einfluss darauf hat, ob wir gesund bleiben, konnte in unseren Breiten nur langsam Fuß fassen.", stellt der Autor fest.

Diese Erkenntnis wiederum - Ausgangspunkt ist die vollständige Entschlüsselung der Genome des Menschen - hat entscheidenden Einfluss auf unsere Vorstellung über das Leben, der eine gewaltige Umbruchphase, "eine Revolution des bisherigen, durch Darwinismus und Soziobiologie eingeengten biologisches Denkens" bevorsteht, meint Joachim Bauer.
Mit dem vorliegenden Buch gibt der ehemalige Grundlagenforscher und jetzige Leiter der Ambulanz der Abteilung Psychosomatische Medizin und Professor für Psychoneuroimmunologie der Universitätsklinik Freiburg, einen großartigen Einblick in neuere, wissenschaftlich gesicherte, in der breiten Öffentlichkeit jedoch nur wenig - oder gar nicht - wahrgenommene Erkenntnisse.

Gene steuern sich selbst in einem kooperativen Arbeitsteam

Gleichzeitig holt er, kurz vor dem 200. Geburtstag des Biologen Charles Darwin (am 12. Februar 2009), zu einem großen "Rundumschlag" gegen die drei zentralen Dogmen des modernen Darwinismus und seines populärsten "Jüngers" Richard Dawkins - den Autor des "egoistischen Gens" - aus. Bauer widerlegt mittels wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse,

1. dass sich Veränderungen in bestehenden Arten entlang der Evolution ausschließlich dem Zufallsprinzip unterliegen,

2. dass Veränderungen ausschließlich langsam-kontinuierlich bzw. linear auftreten und

3. die Bedeutung der Selektion.

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In allen drei Fällen (hier "liegt es" wirklich an den Genen) haben Gene einen, DEN entscheidenden Einfluss auf die Steuerung der Evolution. Sie reglementieren sich selbst, ist seine zentrale Kernaussage. Gene bilden im Körper jedes Individuums ein kooperatives "Arbeitsteam". Dessen effektiver und perfekt eingespielter Funktionsrhythmus kann jedoch durch schwere und anhaltende Stressoren (enorme umweltbedingte Belastungen wie z. Bsp. feindliche Viren oder Bakterien, Radioaktivität, Gifte oder lang anhaltender Mangel an Nahrung) verändert und den neuen Bedingungen angepasst, letztendlich sogar an die Nachfolgegeneration weitervererbt werden. Zellen können die Architektur ihres Erbgutes durch Selbstmodifikation verändern.

"Gene bzw. Genome", so Bauer, "folgen drei biologischen Grundprinzipien (die sich, nebenbei bemerkt, außerhalb der Biosphäre nicht finden lassen): Kooperativität, Kommunikation und Kreativität (...) Die Evolution ist keine Entwicklung von Einzelkämpfern (weder einzelkämpferischer Individuen noch einzelkämpferischer Spezies), sie ist eine Entwicklung von biologischen Systemen." Nicht der Stärkere überlebt, sondern der kreative, kooperative und kommunikative Kopf. Zugegeben, ein äußerst sympathischer Gedanke.

Trennung von den Scheuklappen des Darwinismus

Auch wenn er die Verdienste des "großen Aufklärers der Neuzeit", dem wir letztendlich zu verdanken haben, "dass die biblische Schöpfungsgeschichte nicht mehr als wissenschaftliches Erklärungsmodell für die Entstehung der Erde und des Lebens herhalten muss", durchaus zu würdigen weiß, empfiehlt Bauer, sich von den "Scheuklappen des Darwinismus" zu befreien. Dies "bedeutet jedoch nicht, nun [erneut] theologische Erklärungsmodelle zu bemühen", so der Autor, "Wer sich naturwissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet fühlt, muss weder notwendigerweise atheistisch noch notwendigerweise religiös sein. Naturwissenschaftliches Arbeiten bedeutet, für beobachtbare Phänomene rationale Erklärungen zu finden und sie so weit wie möglich durch jederzeit wiederholbare Experimente zu stützen. Diese Modelle müssen für jeden anderen, unabhängig von weltanschaulichen Überzeugungen, nachvollziehbar sein." Eine Aussage, die die Rezensentin zu 100% teilen kann.

In seinem auch für den interessierten Laien verständlich geschriebenem Buch beschränkt sich der Autor jedoch nicht nur auf die Wiedergabe der neuesten Forschungsergebnisse über das Leben der Gene, sondern er führt das heute verfügbare Wissen in einer Weise zusammen, die letztendlich ein vertieftes Gesamtverständnis erzeugt, was Leben ist.

Klar ist aber auch, dass das "was die Welt [in diesem Falle: des Genoms] im Innersten zusammenhält" (J. W. Goethe: Faust, Szene "Nacht"), bislang ungeklärt ist. Vielleicht liefern ja die Erkenntnisse im LHC des CERN in Genf eine Erklärung. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Fazit:

Joachim Bauer wirft in seinem hochinteressanten, aber immer leicht und anschaulich beschriebenen Buch, einen durch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse gesicherten Blick in die "Werkstatt" der Evolution. Er bündelt wichtige Ergebnisse der vergleichenden Genomforschung der letzten Jahre zu einer Art "Geschichte der Evolution der Gene".

Ein sehr zu empfehlenden Buch!

 

Bibliographische Angaben


 

Joachim Bauer
Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus
Hoffmann und Campe, September 2008
224 Seiten; gebunden; 19,95 EURO
ISBN-10: 3455500854
ISBN-13: 978-3455500851

 

Klappentext

Vor über 3,5 Milliarden Jahren entstand auf unserem Planeten Leben. Vor 600 Millionen Jahren begann ein Prozess, der aus einzelligen Organismen schließlich den Menschen hervorgehen ließ. Was hat sich entlang dieser ungeheuren Zeitachse in den Genen, den Hauptakteuren des Geschehens, abgespielt? Wie wurden wir, was wir sind?

Nachdem das Erbgut des Menschen und vieler weiterer Spezies vollständig entschlüsselt werden konnte, vollzieht sich in der Biologie eine Revolution des Denkens. Erstmals lässt sich vergleichen, wie sich Gene im Verlauf der Evolution entwickelt haben. Erkenntnisse, die sich aus diesem Vergleich ergeben, stellen bislang gültige zentrale Dogmen des großen Biologen Charles Darwin und seiner neodarwinistischen Nachfolger infrage. Es wird Zeit, Phantasieprodukten wie dem "egoistischen Gen" und der Vorstellung, die Evolution sei ein "blinder Uhrmacher", den Platz zuzuweisen, der ihnen gebührt: die Versenkung.

Joachim Bauer, Mediziner und selbst jahrelang in der Genforschung tätig, zeigt: Das System der Gene eines jeden Organismus, das Genom, verfügt über Werkzeuge, mit denen es sich selbst - in Richtung zunehmender Komplexität - verändern kann. Anders, als von Darwin postuliert, entstanden neue Arten nicht im Zuge eines langsam-kontinuierlichen, zufallsgesteuerten Werdens, sondern als Folge von genomischen Umbauschüben. Diese wiederum waren Reaktionen auf globale Bedrohungen, mit denen das "Projekt Leben" mehrfach konfrontiert wurde.

Dieses Buch stellt Ergebnisse der modernen Genforschung in einer auch für Nichtfachleute verständlichen Weise dar. Die Botschaft lautet: Lebewesen mitsamt ihren Genen sind keine steuerlos auf dem Fluss der Erdgeschichte treibenden Objekte, sondern Akteure der Evolution. Als deren Grundprinzipien erweisen sich Kooperation, Kommunikation und Kreativität.

 


Letztes Update: 23-09-2008 17:29

Veröffentlicht in : Buch, Sachbuch
Schlüsselworte : Joachim Bauer, Evolution, Gene, Genomforschung, Darwin, Dawkins, Urknall, Biologie, Warum ich fühle, was du fühlst
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