Wenn der Name Siebenbürgen fällt, denkt jeder sogleich an das sagenumwobene Transsilvanien mit seinen Schlössern, Burgen, Werwölfen, Vampiren und seinem bekanntesten Vertreter Graf Dracula. Auch der Wirtschaft ist diese rumänische Region ein Begriff. Binnen weniger Jahre haben sich 50 deutsche Industrieunternehmen in der Heimat der blutsaugenden gräflichen Gruselfigur niedergelassen, die meisten sind Autozulieferer. Der finnische Nokia-Konzern folgte als neuester Investor.
Einen ganz anderen, noch dörflich geprägten Landstrich, erweckt Claudiu Mihail Florian in seinem Debütroman "Zweieinhalb Störche" zum Leben - das Siebenbürgen seiner Kindheit. Dazu versetzt er den Leser in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
"Storch, Storch, guter,
bring mir einen Bruder!
Storch, Storch, bester,
bring mir eine Schwester!"
Dieses kleine Liedchen trällert der sechsjährige Ich-Erzähler auf der Dorfstraße mehrmals laut vor sich her. Er ist gerade mit seinem Vater zu Besuch bei seinen "anderen" Großeltern in der Walachei und löst damit allgemeines Erstaunen im Ort aus, denn er hat dieses Lied auf Deutsch gesungen. In dieser Region Rumäniens ist es eine Sensation, dass so ein kleiner Bub eine "Fremdsprache" schon so gut beherrscht. Doch Mutter und Großmutter des Burschen gehören zur Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen und das deutsche Brauchtum ist fester Bestandteil ihres Lebens. Es gibt das Weihnachtsfest nebst Weihnachtsmann, man geht in die christliche Kirche, liest deutsche Märchen, singt deutsche Volkslieder und erwartet voller Spannung von Zeit zu Zeit Besuch "Ausdeutschland". Überreichen doch die Onkels dann immer gut riechende Kaugummis, bunt und knisternd verpackte Süßigkeiten und Blechautochens.
Mehrerlei
Anzeige "Storch, Storch, guter, bring mir einen Bruder! ..." wird der Knirps noch des Öfteren singen, in der Hoffnung, dass sein "Einerlei" beendet und ihm ein Geschwisterchen gebracht wird. Aber so richtig Verlass ist auf den Vogel nicht. Vielleicht weil hier in seiner Heimat alles "Mehrerlei" ist. Angefangen bei der Sprache (Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und Sächsisch), dem Feuer in den verschiedenen Öfen des Hauses oder den Glockentönen der "Rumänenkirche" und der "Ungarnkirche" im Ort. Auch die Großeltern des kleinen Knirpses sind für ihn mehrerlei. Denn komischerweise erzählt man ihm, dass sie nicht seine richtigen Eltern sind, denn das "sollen die beiden fröhlichen Leute sein, die uns hin und wieder besuchen und sich dabei wie zu Hause fühlen." Sein Vater ein Regisseur und die Klavier spielende Mutter leben in Bukarest.
Mehrerlei sind auch der Fernseher und das Radio, allein schon wegen des unterschiedlichen Informationsgehalts. In ersterem sieht man hauptsächlich die offiziellen, lautstarken rumänischen Propagandasendungen, in denen meistens der Genosse Nicolae mit "Diesen" zu sehen ist - wie der Großvater, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener rumänischer Gendarm, verächtlich meint. "Die Großmutter und der Großvater kucken auch nur ganz flüchtig hin und drehen ihn leiser und immer leiser." Mit dem Radio hingegen verhält es sich ganz anders. Seinem nur leise gehörten Kanal "Freies Europa" lauscht man - nicht nur zu Weihnachten, wenn das Glockengeläut "Indeutschland" übertragen wird - andächtig.
Dieses Mehrerlei kann sich der kleine Ich-Erzähler noch nicht ganz allein erklären. Also löchert er seine Umgebung mit vielfältigsten Fragen. Ärgerlich, wenn ihm die Beantwortung selbiger mit einem "Später" verwehrt bleibt. "Was ist es denn, dass sich erst später begreifen lässt? Das 'Später' hasse ich manchmal geradezu (...) Obwohl dessen Reiz eigentlich im hier und jetzt liegt. Denn alles, was ich jetzt haben und wissen möchte, wird bestimmt überholt und vergessen sein, eh das Später erreicht ist."
Originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde
Claudiu M. Florian, der als Presseattaché in der Rumänischen Botschaft in Berlin arbeitet, hat aus der Sicht eines kleinen Jungen - sein Alter Ego - das Siebenbürgen der siebziger Jahre auferstehen lassen. In detailreichen Umgebungsbeschreibungen, mit wunderbaren Berichten aus dem Alltag der Familie des kleinen Jungen - mit Lokalkolorit gewürzt - und durch ihn belauschten und eigenständig gedeuteten Gesprächen der Erwachsenen, ist ein humorvoller und detailreicher, geschichtlicher Abriss Rumäniens und seiner "Enklave" Siebenbürgen seit den großen Kriegen entstanden.
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In klaren Sätzen, ohne Schnörkel und Beiwerk, schafft der rumänische Autor, der sich bereits in seiner Studienzeit durch Übersetzungen mehrerer deutscher und englischer Autoren - u. a. Herman Hesse - ins Rumänische einen Namen machte, eine wunderbare Aura und originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde. Humorvoll tapst der kleine Bube durch die Zeit und wirft einen staunenden Blick in eine alte und einstmals hoch angesehenen Kultur - die der "Siebenbürger Sachsen" -, welche durch den Eisernen Vorhang und die großangelegten Zwangskollektivierungs- und Enteignungsmaßnahmen der Kommunisten und durch gezielte Diskriminierung dieser Volksgruppe durch den rumänischen Staat nahezu zum Erliegen gekommen ist.
Letztendlich stellt er fest, dass es leichter ist Jahre zu sammeln als Geschwister. "Die Jahre scheinen irgendwie von allein zu kommen und sich zu vermehren, die Geschwister nicht."
Die beschauliche Kindheit des kleinen Ich-Erzählers ist mit einem Mal viel zu schnell zu Ende.
Fazit:
"Zweieinhalb Störche" ist ein kurzweiliger und beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa - dem deutschsprachigen Siebenbürgen in Rumänien. Es sind Geschichten aus der Erinnerung des Autors. Geschichten, die er selbst erlebt oder gehört oder aber erzählt bekommen hat. Schön, dass Claudiu M. Florian daraus diese Geschichte gemacht und sie dadurch der Nachwelt erhalten hat.
"Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste". (Lorenz Jäger)
Claudiu M. Florian Zweieinhalb Störche. Roman einer Kindheit in Siebenbürgen Transit Buchverlag, August 2008
240 Seiten; gebunden; 19,80 EURO
ISBN-10: 3887472357
ISBN-13: 978-3887472351
Eine Kindheit Mitte der siebziger Jahre. Ein Junge wächst auf bei seinen Großeltern (den beiden "Störchen") in einem kleinen, abgelegenen Ort an der "Europastraße 60". Der Großvater ist Rumäne, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener Gendarm und entschiedener Gegner "Dieser", der Macher in Bukarest; die Großmutter deutschstämmig und in der Tradition der Siebenbürger Sachsen lebend, wacht über Hof und Familie und darüber, dass der Großvater nicht zu oft in der Dorfkneipe gesehen wird. Die Eltern leben in Bukarest, wo der Vater als Theaterregisseur arbeitet. Selten haben sie Zeit, ihren einzigen Sohn zu sehen oder ihm die große und befremdliche Stadt Bukarest zu zeigen. Die beschauliche, fast unheimliche Ruhe des Dorf- und Familienlebens erfährt aufwühlende Unterbrechung durch Verwandte, mal "Ausdeutschland", mal aus der Walachei, die mit ihren Autos (mal Mercedes, mal Dacia) und wunderbaren Mitbringseln Aufsehen und Freude erregen und manchmal Sehnsucht nach einem anderen Leben hinterlassen. Diese scheinbare Idylle ist endgültig dahin, als "Diese" den Vater aus seinem Theater entlassen und den Großeltern ihr Haus wegnehmen ... Claudiu M. Florian, zweisprachig aufgewachsen, schreibt im Deutsch seiner Kindheit; die Einfachheit der Sprache entspricht nicht nur der kindlichen Perspektive - sie ist auch ein zauberhaftes Kunstmittel, um die familiären, örtlichen und politischen Verhältnisse in unverwechselbarer, skurriler oder komischer Sicht- und Ausdrucksweise lebendig zu machen.