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Geschrieben von Heike Geilen, am 22-09-2008 11:00
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Favoriten 6

nur_gutes_120.gifDie Wahrheit

"Der Nachruf ist die letzte Wahrheit. Alle früheren Wahrheiten hebt er auf. Denn die Wahrheit, so lange man lebt, ist ein Gedicht, ein Gespenst, ein flüchtiger Stoff, haltbar und dingfest erst im Nachruf. Was der Mensch wahrnimmt, ist nicht die Welt an sich, sondern ihre Spiegelung. Die Welt erscheint ihm nur so." Dies schreibt Simon Mangold, der Ich-Erzähler, der über den Text einer Todesanzeige sinniert - die seiner Eltern. Gleichzeitig umreißen die zwei Sätze den Duktus des Buches von Erwin Koch, denn der Autor lässt bis zum Schluss den Leser im Unklaren und suggeriert ihm Empfindungen und Gefühle, die ein anderes literarisches Ende vorausahnen.

Der bereits zweimal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnete Schweizer Autor, dessen Debütroman "Sara tanzt" (2003) große Beachtung erfuhr, hat in seinem eigenwilligen, aber unglaublich intensiven Buch den letzten Tag von Dagmar und Albert Mangold rekonstruiert. Beinahe minutiös schildert er die Begebenheiten im Haus des 64-jährigen Pastors und seiner 62-jährigen Frau, die am 11.12. Simon zu einem Besuch erwarten. Doch anstatt ihres Sohnes steht dessen ehemalige erste große und einzige Liebe Anna vor der Tür. Eine junge Frau, die einst wegen Geiselnahme zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. Auch Simon war in die Straftat involviert und musste gleichfalls - wenn auch nur für zwei Jahre - ins Gefängnis. Während er die Zeit abbüßt, floh Anna dazumal und tauchte unter.

Gekonnter Vorstoß in die Tiefe des Leserbewusstseins

"Ich wollte nur schnell guten Tag sagen. Wenn ich schon hier bin." begrüßt sie mit gehetztem Blick und einem roten Rucksack, den sie keinen Augenblick aus den Augen lässt, die verdutzten Pfarrersleute. Was tun? Man bittet sie herein. Ist doch ihr Vater einen Tag zuvor beerdigt worden. Aber dann scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Albert Mangold, der am Morgen seine Predigt in der Kirche hält, kommt mit extremer Verspätung zurück, Simon, mittlerweile mit dem Zug in seinem Heimatort eingetroffen, wird nicht in die Stadt gelassen; das Quartier ist von Polizisten abgeriegelt. Grund: Der Friedhofswächter ist angeschossen worden.

Und Anna sitzt immer noch bei den Mangolds. Hat sie die Tat begangen? Offensichtlich verbrachte sie die Nacht auf dem Friedhof. Was verbirgt sie in ihrem Rucksack, den sie krampfhaft festhält? Die Eheleute scheinen mit der suspekten jungen Frau in ihrem Haus gefangen...

"Nur Gutes" hat in Ansätzen die Struktur eines Psycho-Krimis. Erwin Koch versteht es meisterlich die Spannung zu halten und sie langsam zu steigern. Dieses Buch verbirgt feinste Literatur. In einem anfänglich gewöhnungsbedürftigen Stil - kurze, fast stakkatoartige Sätze und ständige Iterationen -, erzeugt Koch durch sublime Beobachtungen menschlicher Regungen und Aufspüren scheinbar nebensächlicher Begebenheiten, eine atemberaubende, unterschwellige Spannung, die sich mit fortschreitender Zeit immer mehr steigert. Mit dem Einsatz souveräner literarischer Mittel stößt er in die Tiefe des Leserbewusstseins vor.

Imaginationen werden Tür und Tor geöffnet

Rahmengerüst sind die Gedanken des Sohnes (in der Ich-Form), über den zu verfassenden Nachruf für seine Eltern. Offensichtlich hat Erwin Koch seine Absichten in die Überlegungen Simons - er redigiert die Nachruftexte bei einer Lokalzeitung - impliziert: "... ich versuche mich hineinzubrüten in die Intention des Schreibers (...) ich kürze und verdichte. (...) Deshalb ist es mir so wichtig zu erfassen, was der Schreiber zum Ausdruck bringt. Was ist, in seiner Darstellung oft kaum zu durchschauen, was ist ihm unverzichtbar? Was verschweigt oder beleuchtet er aus welchem Grund? Welcher Wahrheit gibt er den Zuschlag?" Welcher Wahrheit gibt er den Zuschlag? Dies fragt sich der Leser während der gesamten Lektüre. Wird Anna Baumer auch die Mörderin der Mangolds?

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In die Stimme Simons mischt der Autor die Handlung des Tagesablaufs "zwischen acht Uhr am Morgen und sieben Uhr am Abend", geschildert von einem auktorialen Erzähler. Kindheitserinnerungen der beiden Mangolds und auch Annas lassen auf einmal nie Gesagtes zur Sprache kommen. Die Drei sitzen in einem nahezu autarken Raum. Die äußeren Verhältnisse verwischt Koch mit einem Weichzeichner, blendet sie beinahe aus, um sich ausschließlich auf die Innenräume zu konzentrieren. Er benutzt Techniken der Reduktion, der sparsamen Andeutungen, der Auslassung, des Verschweigens. Doch gerade dieses literarische Mittel schafft einen ungemeinen Freiraum für das Empfinden des Lesers. Das Nichtgesagte rückt in den Vordergrund und erzeugt eigenständige Assoziationen.

Der Text bleibt leise und zurückhaltend, obwohl eine unterschwellige Bedrohung und Angst über dem häuslichen Idyll der Mangolds liegt. Koch öffnet der Imagination Tür und Tor. Mit jeder Seite überträgt sich der Reiz dieser zurückhaltenden Prosa auf den Leser und zieht ihn in einen magischen Sog.

Fazit:

Mit "Nur Gutes" ist Erwin Koch ein beeindruckendes Buch gelungen, das weniger an psychologisch eindeutigen Schnittmustern seiner Protagonisten interessiert ist, sondern vielmehr auf die Grauzonen menschlichen Verhaltens setzt, auch wenn es sich "nur" um eine ganz gewöhnliche Familie handelt.

Bibliographische Angaben


Erwin Koch
Nur Gutes
Nagel & Kimche Verlag, August 2008
176 Seiten, gebunden; 17,90 Euro
ISBN-10: 3312004187
ISBN-13: 978-3312004188

 

 

 

 

 

 

 

 

Klappentext

Das Ehepaar Mangold wird eines Sonntagmorgens böse überrascht: Die von der Polizei gesuchte Exfreundin des Sohnes steht vor der Tür und bittet um Hilfe. Mit ihrer Ankunft werden Erinnerungen aufgewühlt, die die beiden Alten tief vergraben hatten. Ein Drama um uneingestandene Schuld und unerlöstes Gewissen, erzählt mit feinem Gespür und literarischer Raffinesse von einem der brillantesten Autoren der Gegenwartsliteratur in der Schweiz.



Letztes Update: 22-09-2008 12:09

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Erwin Koch, Nachruf, Tod, Krimi, Spannung, Anna, Simon Mangold
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