Warum hinterfragt Ivan Ivanji diese Aussage in seinem neuen Buch "Geister aus einer kleinen Stadt"? Natürlich ist das Leben schön, möchte man sofort antworten. Doch der Autor hat es von einer anderen Seite - einer tiefschwarzen - erlebt: als Sohn einer jüdischen Ärztefamilie aus dem Banat, einer historischen Region im Königreich Ungarn, wurde er 1944/45 in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald interniert.
Bei einem Besuch seiner Heimatstadt, als er durch vertraute Gassen schlendert, begegnen ihm die "Geister" seiner toten Mitbürger, Menschen die umgebracht wurden, weil sie nicht dem "Ideal" einer selbsternannten "Herrenrasse" entsprachen. Seiner Stadt und ihren "Geistern" - den ehemaligen Bewohnern - setzt er mit seinem neuen Roman ein literarisches Denkmal. Hier im Banat, einer Region zwischen dem heutigen Serbien-Montenegro und Rumänien hat der Autor seine Handlung angesiedelt.
"Frieden" heißt sein erstes Kapitel. Ivanji versetzt sich dafür ans Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und wahrlich war man zu dieser Zeit mit sich und aller Welt noch im Reinen. "Dass in Deutschland ein Herr Hitler, der Schäferhunde über alles liebte, angeblich schöne blaue Augen besaß, auf österreichische Weise Damen die Hand küssen konnte und zum Tee Mehlspeisen konsumierte und sich als Antialkoholiker und Vegetarier bezeichnete, an die Macht gekommen war, interessierte in der Stadt am Kanal, der sich stolz Fluss nannte, weder die Hunde noch die Menschen, vorläufig noch nicht einmal die Juden."
Eindringlich und schockierend, aber auch liebe- und humorvoll
Nicht nur die Menschen interessieren den Autor. Jeder Familie stellt er einen oder mehrere treue Gefährten an die Seite: ihre Hunde.
Liebevolle Alltagsgeschichten bestimmen den ersten Teil des Romans. Ivanji betritt Haus um Haus und schaut in die Wohnzimmer seiner Bewohner. Da sind das jüdische Ärzteehepaar und deren zwei Kinder mit ihrem Zwergpudel Zucki, der Herr Apotheker und Dackel Waldi oder aber der Eisenbahner Atschanski, der zusammen mit seinem Foxterrier im Garten des Herrn Doktor wohnt. Ivanji berichtet über den Holzhändler und seine beiden Doggen, den Herrn Rechtsanwalt mit der schönen Stimme und dessen deutscher Frau, den Zigeunerkönig mit seinem Schäferhund, den Kunsttischler und seinen Boxer oder die Modistin mit ihrem kranken Dalmatiner und ihrem Sohn, dem am Ende des Buches noch eine besondere Rolle zukommt.
Anzeige Eine kunterbunte Melange verschiedenster Nationalitäten lebt hier nebeneinander - oft sogar befreundet. Natürlich kommt es zu allerlei Reibereien - es "menschelt". Die Rasse spielt bei beiden - Hund und Mensch - (noch) eine eher untergeordnete Rolle. Es sind die Klassenunterschiede, die den gemeinsamen Verkehr dirigieren und abgrenzen.
Doch "die menschliche Beziehung ist komplizierter als die Verhältnisse unter den Tieren". Der Krieg erreicht auch diese friedliche Region. Und nichts ist mehr wie es war. "Die ersten Serben werden erschossen, die ersten Juden gehenkt." Was folgt ist schockierend und emotional erschütternd.
Nur die Wenigsten überlebten das Grauen
"Oh glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!" Diese Worte aus Goethes "Faust" legt der Autor in seinem Roman einem SS-Schergen in den Mund, der zuvor einem Juden eine Lagerumsiedelung vorlog, der Einstieg in den Transport-LKW am nächsten Morgen jedoch für ihn, seine Familie und tausende Anderer den Tod bedeutet.
Hoffnung, für viele das letzte, was noch blieb. Nur für die Wenigsten erfüllte sie sich. "Tatsache ist, dass in meiner Heimatstadt eintausendzweihundertachtundsiebzig Juden interniert worden sind und achtunddreißig überlebt haben. Achtunddreißig.", konstatiert der Autor.
Ein eindringliches, ein schockierendes, aber auch ein liebe- und humorvolles Werk hat Ivan Ivanji geschrieben. Er wirft einen unbestechlichen, mit autobiographischen Linien durchzogenen Blick auf die Vergangenheit seiner Heimat. In einem gut lesbaren Stil, mit kurzen Sätzen und Dialogen und einer atmosphärisch dichten, pointierten Sprache behandelt er souverän - wie bereits in seinen letzten Werken (u. a. "Der Aschenmensch von Buchenwald", "Die Tänzerin und der Krieg") - emotionell und politisch stark belastete Themen ohne vordergründige Rache- oder Abrechnungsgelüste.
"Die Lebenden müssen entscheiden, wie es weitergehen soll. Wie sie leben wollen.", schreibt Ivanji - sichtlich bewegt - in seinem dritten und letzten Kapitel mit dem Titel "Frieden nach dem Krieg". "Die Toten haben darauf keinen Einfluss mehr. Oder doch?"
Fazit:
Liebevoll gezeichnete Menschenbilder und Alltagszenen wechseln mit schockierenden, ergreifenden und harten Szenen in Ivan Ivanjis neuem Roman "Geister aus einer kleinen Stadt" ab.
Eine eindrucksvolle, eine emotional bewegende Spurensuche auf dem Pfad seiner Kindheit.
In einer kleinen Stadt im Banat, an einem Wasserlauf, der sich gerne Fluss nennen lässt, wiewohl er nur ein Kanal ist, leben die Menschen Ende der dreißiger Jahre im harmonischen, nahezu idyllischen Miteinander, in einem "melting pot" von Sprachen und Religionen. Im Haus des Arztes etwa sprechen die Eltern miteinander ungarisch, mit den Kindern deutsch, mit dem Zimmermädchen serbisch und mit den Patienten nach deren jeweiligen Bedürfnissen. Leicht kommt der serbisch-orthodoxe Pope nicht damit zurecht, dass sich seine älteste Tochter ausgerechnet in den Sohn des jüdischen Apothekers verliebt hat, ebenso wie die jüdischen Bäckersleute und das deutsche Fabrikantenehepaar, deren Kinder, der singende Rechtsanwalt und das blonde Fräulein, zu heiraten beschließen. Doch man einigt sich, und noch nicht einmal die Juden gestehen sich ihre Sorgen darüber ein, dass in Deutschland ein Herr Hitler an die Macht gekommen ist. Dann kommt der Krieg und nichts bleibt, wie es war. Ivan Ivanji lässt die Menschen eines kleinen Balkanstädtchens wiederauferstehen, mit ihren Sehnsüchten und Träumen, mit ihren Vorlieben und unterschiedlichen Lebensstilen. Jeder von ihnen hat eine andere Strategie, sich auf die Zukunft einzustellen? doch kaum einer wird den Nationalsozialismus überleben.