Der Cellist von Sarajevo ist legendär. Er spielte 22 Tage lang zur selben Tageszeit ein Adagio von Albinoni im Gedenken an 22 Tote, die an dieser Stelle von einer Granate getötet wurden. Zu allen Zeiten wurde im Krieg erbarmungslos getötet.
Grausam und unverständlich wie alle Kriege war der Krieg zwischen Bosnien - Herzegowina und Serbien. Die Stadt Sarajevo wurde von 1992 -1996 von der bosnisch- serbischen Armee belagert. Von der Stadt und ihren Menschen während der Belagerung, von ihren Ängsten, der Verzweiflung, von Hunger, Kälte und Not handelt der Roman des kanadischen Autors Steven Galloway.
Von den Eingeschlossenen kamen viele tausend Menschen um oder wurden schwer verletzt. Scharfschützen aus den umliegenden Bergen nahmen jeden aufs Korn, der aus der Ferne erkennbar war. Wie Kaninchen vor dem Jäger flüchteten die Menschen vor den Heckenschützen. Das Überqueren einer Strasse oder einer Brücke konnte den Tod bedeuten. Lebensmittel und Wasser mussten organisiert werden, und so begaben sich Menschen immer wieder auf gefährliche Pfade, und ihre Rückkehr blieb ungewiss.
Kenan, Dragan und Strijeler heißen die Protagonisten, aus deren Augen man auf die Kriegshandlungen in der belagerten Stadt schaut. Trümmer spiegeln das Stadtbild der einstmals so schönen Stadt. In den Ruinen trifft man sich und wartet auf den Augenblick, in dem man sich bei der Überquerung einer Strasse sicher glaubt. Dragan hat seine Frau und den Sohn kurz vor Ausbruch der Schießereien weggeschickt. Strijeler ist zu den Kämpfern der besetzten Stadt gestoßen,--mehr als verteidigen können sich die Menschen nicht. Sie war eine exquisite Schützin in ihrer Freizeit an der Universität gewesen. Das kommt ihr bei den Kämpfen um die Stadt zugute. Töten will sie aber nicht. Erst als sie den Auftrag erhält, den Cellospieler zu beschützen, der 22 Tage auf einer leeren Strasse und den Heckenschützen preisgegeben ein Adagio von Albinoni spielt, findet sie sich dazu bereit. Sie ist überwältigt vom Anblick und der Musik des einsam spielenden Musikers und erschrocken von den Visionen an Vergangenes und Gegenwärtiges, das sie erfasst.
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Eindrucksvoll und bedrückend werden die Kriegshandlungen in ihrer ganzen Schärfe und Sinnlosigkeit erfasst. Wie man die Stadt in ihre Einzelteile zerlegt und die Zerstörungen aufzeigt, wie es den einzelnen in dem totalen Untergangsszenario ergeht, man um Wasser, Brot und ums Überleben kämpft: das ist an Dramatik nicht zu überbieten. Galloway lässt die Bilder wie in einem Film vorüberziehen.
Sinnlos und unerklärlich ist für die Menschen der Zustand der Stadt, und sinnlos und unerklärlich erscheint allmählich das Überleben. Der Irrsinn, mit der die Grenze vom Leben zum Tod überschritten wird, kann in kargen aber umso eindrücklicheren Worten heraufbeschworen werden. Ein besseres Zeitdokument ist nicht vorstellbar. Ratlos wird man mit Bildern konfrontiert, die an Grausamkeit nicht zu überbieten sind. Hier wurde ein Völkermord praktiziert, dessen Menschenverachtung und Sinnlosigkeit nicht begreifen ist. Der Roman mag als Mahnung und Appell aufgefasst werden, sich der Vergeblichkeit und des Wahnsinns aller Kriege bewusst zu werden.
Steven Galloway Der Cellist von Sarajevo Luchterhand Literaturverlag; September 2008
240 Seiten; gebundene;19,95 EUR
ISBN-10: 3630872794 ISBN-13: 978-3630872797