Ruth Klüger, geb. 1931, ist eine angesehene Germanistin jüdischer Herkunft. Sie hat als Kind die Haft in drei KZ überlebt. Nach dem Krieg wanderte sie mit ihrer Mutter nach Amerika aus und startete nach dem Schulabschluss und Studium eine berufliche Karriere als Germanistikprofessorin an verschiedenen amerikanischen Universitäten.
Bereits in ihrem biographischen Buch mit dem Titel "Weiter leben", hat sie ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aufgeschrieben. Ruth Klüger verbindet schon dort die authentische Berichterstattung über ihr Leben mit kritischer Distanz zu ihren Einsichten und zwischenmenschlichen Beziehungen. In Fortsetzung dieser Erinnerungen bleibt sie ihrem Erzählstil treu: ihre Lehrjahre in Amerika haben ihr die Augen geöffnet, und sie zu einer Zivilisationskritik befähigt, die auf den eigenen Erfahrungen gründet.
Ihre breit angelegten Beobachtungen gelten der gesamten zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.Die auf ihrem Arm eingebrannte KZ Nummer löst vielfach Befremden aus. Jüdische Einwanderer möchten nicht an die dunklen Jahre erinnert werden. Nach Ruth Klügers Eindrücken erleben Juden in Amerika das Erkennen der KZ Nummer als Provokation.
Bei ihrem Aufstieg in die akademischen Höhen der Lehre sah sie sich Hürden gegenüber, die ihr teils aus Eigennutz der mit einander konkurrierenden Kollegen, teils aus Ressentiments gegen ihre feministischen Ansprüche in den Weg gelegt wurden. Immer wieder sucht sie Kameradschaft und Anerkennung und muss sich stattdessen mit unanständigen Intrigen auseinander setzen. Der Satz„Die sechs Jahre in Princeton von 1980 -1986 haben mich wehleidiger und ungeschützter, leider auch zynischer gemacht, als ich vorher war ... “ bezeichnet treffend ihre Wandlung. Dazu säumt eine verpatzte Ehe ihren Weg.In Göttingen und Wien Ende der achtziger Jahre begegnen ihr freundliche Menschen und sie gewinnt neue Freunde. Ein tief sitzendes Unbehagen, das sie bei einem längeren Aufenthalt in Deutschland empfindet, wird nach unguten Erfahrungen beibehalten.
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Sie schreibt aus einer Perspektive, bei der ihre selbst erkannten eigenen Unzulänglichkeiten und ihre klare Sicht der gesellschaftlichen Zusammenhänge zu einem großen Ganzen zusammen fließen. Der Eindruck verfestigt sich, dass sie selbstkritisch und reflektiert ihr Leben bilanziert und sich mit gewissen Härten in ihrem Auftreten zu schützen sucht. Ihre Beziehungen zur Mutter, ihren Söhnen und Enkelkindern zeigen sie empfindsam in der Wahrnehmung feiner Unstimmigkeiten. Sie macht die gleichen zuweilen schwer verständlichen Erfahrungen wie Kinder und Mütter in aller Welt.Obwohl sie gelegentlich Wut und Ärger zeigen kann, bleiben die Analysen über ihr Ergehen auf einem hohen Niveau. Bei ihren Selbsterkenntnissen zeigt sich Ruth Klüger unsentimental und sehr menschlich. Die Offenheit, mit der sie ihren Lebensabriss aufzeichnet, zeigt sie als verletzliche und gleichzeitig souveräne Frau.
Äußerst schmerzlich ist ihr die Aufkündigungihrer langjährigen Freundschaft zu Martin Walser. Man nimmt ihr ab, dass sie sein Buch "Tod eines Kritikers" mit kritischem Verstand gelesen hat und als Schlussfolgerung seinen hier zum Ausdruck kommenden verkappten Antisemitismus nicht akzeptieren kann.
Ihre vielfarbigen und anschaulichen Lebensbilder, teilweise mit zarten poetischen Einschüben versehen, sind fesselnd und anspruchsvoll. Sie hat unterwegs einiges verloren,aber sie zeigt sich wieder als die große Literaturwissenschaftlerin, die vieles gewonnen und uns Lesern gegeben hat!
Der Bestseller "Weiter leben", Ruth Klügers autobiographisches Überlebensbuch, war ein beklemmendes Augenzeugnis der Konzentrationslager von Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt. Doch was kam nach dem Krieg? Aus dem dreizehnjährigen Mädchen, dem die Gaskammer nur durch einen glücklichen Zufall erspart geblieben war, wurde eine angesehene Literaturwissenschaftlerin, eine selbstbewusste Feministin und eine international ausgezeichnete Schriftstellerin.Der American Way of Life in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die komplexe Beziehung zu ihren zwei Söhnen, die unglückliche Ehe und die als Befreiung empfundene Scheidung sind Themen dieser Autobiographie. Hier erzählt eine Frau, die sich ihre Muttersprache ebenso zurückerobert wie ihre Geburtsstadt Wien, die sich mit den Verlusten, die das Altern bringt, auseinandersetzt und sich den Schatten und Visionen der Vergangenheit, aber auch denen der Gegenwart stellt.