Generationen der Gezeichneten- Nancy Huston lässt das Zeitrad rückwärts laufen.
Ein prägnantes Muttermal durchzieht die Linien einer Familie wie ein roter Faden, und wird zur Schicksalsstimme oder zum Fluch seiner Gezeichneten – ein winziger Makel einer Familie von Hochbegabten, die von Generation zu Generation von Familiengeheimnissen umrissen wird. Doch im eigentlichen Sinne ist es ein anderer Makel, der die Linie von Nancy Hustons Protagonisten wie ein Fluch verfolgt, vom zerbombten Dresden des ausgehenden Zweiten Weltkrieges bis zum Amerika der Gegenwart: Es ist der Faschismus in seinen Ausprägungen, von dessen Bürde sich eine jede Generation zu befreien versucht, um dennoch von ihm umfangen zu werden.
Wo Familienchroniken längst zum bekannten Repertoire der Literatur gehören, punktet Nancy Huston durch eine ebenso ungewöhnliche wie interessante Konstruktion: Sie lässt ihren Erzählstrang nicht die Zeitachse entlang laufen, sondern springt von Generation zu Generation rückwärts, vom Urenkel im Bush-Amerika bis zur Urgroßmutter in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Jede Generation wird punktartig dargestellt, jeder Erzählstation wird ein spezifisches Zeitfenster zugestanden: Jeweils als Sechsjährige treten die Zeitvertreter auf und schauen mit Oskar Matzeraths "Blechtrommelblick" auf die politische Welt der Großen. So gelingt es Huston, alle Erzählfäden auf eine anfangs beinahe unsichtbare Urgroßmutter zulaufen zu lassen, bis diese im letzten Kapitel selbst als Sechsjährige im Rampenlicht steht, mit ihr die Wurzeln der Vergangenheit sichtbar werden und sich die Kreise der Familienmythen schließen. Zugleich beantworten die ersten Kapitel all das, was das Ende des Buches eigentlich erst verheißt.
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Wo die Erzählkonstruktion ein feinsinniges Gespinst von Menschenschicksalen verspricht, wirkt die Umsetzung teils mangelhaft. Die erzählten Zeitfenster kreisen jeweils um die Familienmythen, sind aber überaus eng zugeschnitten, so dass die Handlung oft dort endet, wo sich der Leser erst eine Steigerung verspricht. Der Erzählton gewinnt bei jedem Familienmitglied eine eigene, charakteristische Stimmung. Bedauerlicherweise entgleist dieses erfreuliche Prinzip ausgerechnet im ersten Kapitel: Wo das restliche Buch ein feinsinniges Familienporträt zeichnet, schlägt der Auftakt mit einer bitterbösen Satire auf das Bush-Amerika drein, die weder an hartem Zynismus noch an Abartigkeit spart. So mancher Leser wird deshalb wohl bereits aussteigen, wo die Vergnügungsreise der Erzählfahrt eigentlich noch gar nicht beginnt; wer die Schläge der gewöhnungsbedürftigen ersten hundert Seiten aushält, wird jedoch mit einem sensiblen Zeiten- und Menschenporträt belohnt.