In einem kleinen Dorf in Schweden wird in einer Winternacht ein grausiger Mord begangen. Mit diesem ersten Satz der Besprechung ist klar: Henning Mankell ist nach zahlreichen Afrika-Romanen und einem Ausflug in das melodramatische Genre zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Und doch ist diesmal alles anders. Mit "Der Chinese" kehrt Mankell zu seinen Wurzeln, dem schwedischen Kriminalroman, zurück - und bleibt doch hinter den Erwartungen.
Der griesgrämige und mit der Welt und dem Verfall der Sitten hadernde Kommissar Kurt Wallander bleibt bei diesem Fall zu Hause in Ystad. Stattdessen schickt Mankell eine Frau ins Rennen der Ermittlungen: die Staatsanwältin Birgitta Roslin, die von dem Vorfall hört und erkennt, dass unter den Ermordeten ihre Adoptiveltern sein müssen. Auf eigene Faust stellt sie Ermittlungen an und macht sich damit bei der örtlichen Polizei keine Freunde. Die Parallelen zwischen Roslin und Wallander sind dabei verblüffend: beide haben die Vierzig überschritten und führen ein eher unbefriedigendes Privatleben – Wallander als ewiger Junggeselle, Roslin in einer zur Routine erstarrten Ehe. Beide handeln in Teilen aus Idealismus, beide setzen sich hin und wieder über die Gepflogenheiten der Polizei hinweg, und beiden ist der unbedingte Wille, einen Fall zum Abschluss zu bringen, gemein. In einem chinesischen Restaurant in der Nähe des Tatorts stellt Birgitta Roslin beim Abendessen fest, dass an einer Lampe ein Band fehlt – ein Band, das am Tatort gefunden wurde. Und in einem benachbarten Hotel hat die Überwachungskamera einen chinesischen Gast gefilmt. Aufgrund dieses Zusammentreffens von Ereignissen beschließt sie, mit ihrer Freundin nach China zu reisen, um nach dem Täter zu suchen.
Würde so ein Kurt Wallander handeln? Aufgrund einer solchen Verkettung von Gegebenheiten, die beim Besten Willen nicht einmal Indizien genannt werden können, um die halbe Welt zu reisen, um dort wahllos wildfremden Menschen ein grobkörniges Bild aus einer Überwachungskamera unter die Nase zu halten? Das ist einfach haarsträubend – ein guter Krimiplot sieht anders aus. Von professioneller Ermittlungsarbeit ganz zu schweigen – aber schließlich geht Birgitta Roslin dem Fall ja auch nur in ihrer Freizeit nach.
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Ein großer Zeitsprung läutet die Geschichte von drei chinesischen Brüdern ein, die anderthalb Jahrhunderte zuvor ihr Heimatdorf verlassen, um in der großen, weiten Welt ihr Glück zu suchen. Nach einer Odyssee durch China und über den Ozean landen sie als Sklaven in Amerika, wo sie beim Bau der Eisenbahn ausgebeutet werden. Nach dem Tod seiner beiden Brüder und seiner Rückkehr in die alte Welt beschließt San, seine Geschichte aufzuschreiben, und schwört Rache für seine Brüder. Spätestens an dieser Stelle kann sich auch ein durchschnittlich krimierfahrener Leser denken, wie die beiden Teile schließlich zusammen kommen. Dazwischen liegen eine Reise durch China, bei der Birgitta Roslin nicht nur mit heimlichen Beobachtern und Straßendieben, sondern auch mit der Staatsgewalt in Konflikt gerät, und die Eheprobleme der Roslins. Der bemüht konstruierte und vorhersehbare Plot der Geschichte wird auf über 600 Seiten ausgebreitet und endet nicht einmal mit einer großen Überraschung, sondern genau mit der Auflösung, die man sich in der Mitte des Buches schon zurechtgelegt hat.
Mit seinen Wallander-Romanen hat Henning Mankell schwedische Kriminalliteratur weltweit berühmt gemacht, seinen Afrika-Romanen haben aufgerüttelt und bestehdende Missstände angeprangert und mit "Tiefe" hat er ein düster-beklemmendes Meisterwerk geschaffen. Nach seinem eher belanglosen Drama "Die italienischen Schuhe", ist "Der Chinese" jedoch bereits der zweite Roman in Folge, mit dem der Autor weit hinter den Erwartungen zurück bleibt. Mankell hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er sowohl komplexe Figuren als auch spannend und glaubhaft angelegte Krimiplots gestalten kann. Bei diesem Roman ist ihm leider weder das eine noch das andere gelungen, was bedauerlich ist, vor allem, wenn man weiß,dass er es eigentlich besser, viel, viel besser, machen kann.
Henning Mankell Der Chinese Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Zsolnay Verlag, Mai 2008
610 Seiten; gebunden; 24,90 EUR
ISBN-10: 3552054367
ISBN-13: 978-3552054363