Glanz und Ruhm einer kosmopolitischen Familie im 20. Jahrhundert
Sehr verärgert muss der Europachef einer weit verzweigten Bankiersfamilie mit amerikanischen Wurzeln erleben, dass sein Sohn Harry nicht in das Bankwesen der Familie eintreten will! Die Familie lebt in Genf, und wir schreiben das Jahr 1928. Harry, der Icherzähler, fühlt sich zu seiner Cousine Renée hingezogen, die in Florenz im Kreise von Künstlern und geistvollen Persönlichkeiten lebt. Sie besitzt ein prächtiges altes Haus, die Villa Ginestra, und hat ihre Familienbande gekappt. In ihrem schönen Haus fühlt sich Harry wohl und beginnt ein Kunststudium.
In seinem ersten Roman erzählt Fred Licht die Geschichte einer weit verzweigten amerikanischen Bankiersfamilie. Sie besitzt überall in Europa Niederlassungen. Die Gründung der amerikanischen Bankendynastie geht über Generationen zurück und hat wesentlich die Gesinnung und den Lebensstil der Clanmitglieder geprägt. Wie immer gibt es in diesen Finanz – und Firmendynastien Sonderlinge und Einzelgänger. Sie fordern die Traditionalisten in der Familie heraus und werden als widerborstige Außenseiter angesehen.
Mit wundervoll klaren, eindeutigen und kräftigen Sätzen beginnt der Roman von Fred Licht, in dem er die schönen Künste einbettet in das Gesellschaftsbild der Bankiersfamilie, die Mitte des 20. Jahrhunderts Europa und Amerika bevölkert. Die Villa und die Cousine Renée werden zum eigentlichen Plot der Handlung. Unangefochten von den Verurteilungen des Familienclans empfängt Renée in ihrer Villa Geistesgrößen, Kunstkenner, beherbergt einen unauffälligen ständigen Gast englischer Herkunft bei sich und versammelt eine intellektuelle Gemeinschaft von Reichen und Gebildeteten in ihrem Haus.
Mit differenzierten Betrachtungen beschreibt der Autor eine Gesellschaft, die sich abgehoben vom Alltag der gewöhnlichen Leute den schönen Künsten zuwendet. Harry gerät in den Focus der Erzählung, als er sich in der Villa etabliert hat und sich dem leichten Leben der Jeunesse dorée im Italien der dreißiger Jahre hingibt. Dann zieht der Faschismus am Horizont herauf, und die Verhältnisse ändern sich schlagartig. Harry bricht in das Land seiner Väter nach Amerika auf. Dort erlebt er den Beginn des zweiten Weltkriegs und wird erst als Angehöriger des Militärs nach Europa zurückkehren. Die Villa Ginestra bleibt sein ferner Traum.Renée wird mit ihrem gesellschaftlichen Treiben in den Taumel von Kriegschuld und Versagen geführt.
Anzeige Der Autor hat eine Atmosphäre eingefangen, in deren Zentrum die blühende Geistes-, Kunst- und Musikszene in Florenz steht. Hoch reflektiert, tief schürfend und nachdenklich erzählt Fred Licht von Menschen, die Dank ihres Reichtums in den Kriegswirren des zweiten Weltkriegs Protektion und Sicherheit genießen. Psychologisch einfühlsam erfährt das unkonventionelle und gesellschaftlich wohl organisierte Verhalten von Renée Würdigung. In einem langen Schreiben an Harry berichtet sie von einer Schuld, von der niemand etwas ahnt. Eine Vielzahl von verborgenen Vorkommnissen, in die einzelne Protagonisten aus dem Umfeld der Villa und Renée hinein gezogen wurden, gibt der Handlung den gehaltvollen Spannungsbogen.
Der Autor hat ein opulentes, anspruchsvolles und vielschichtiges Werk verfasst. Fasziniert und geblendet ist man vom Zeitkolorit, den geheimnisvollen Vorgängen um die Protagonisten, dem Kriegwesen und den politischen Veränderungen, die ganz Europa in den Untergang ziehen könnten. Das Panorama des Romans ist weit gesteckt und beleuchtet die politischen und persönlichen Entwicklungen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Ende hin. Judentum, Verfolgung, Kultur und Politik werden in den Zeitrahmen der Handlung gestellt. Die Villa Ginestra bleibt im Zentrum des Geschehens, und "Hinterlassen und Erben" sind bestimmende Faktoren für das Verhalten des Clans.
Nachhaltig nimmt das Dasein des europäisch-amerikanischen Geld- und Bildungsbürgertums Gestalt an. Fred Licht hat als Jude und Verfolgter der Nazis viele Ortswechsel erlebt. Er ist Kunsthistoriker und Kritiker und war lange Jahre Kurator der P. Guggenheim Collection. Seine Kennerschaft ist den kultivierten Themen seines Buches zugute gekommen und hat seinen Inhalt mit bestimmt. Angela Praesents Übersetzung ist lobend hervorzuheben. Die schöne Aufmachung aus der anderen Bibliothek von Eichborn ist für den bibliophilen Liebhaber ein Genuss.