Die ersten Gäste lassen auf sich warten und der Kredit zehrt an ihr: Myriam hat sich zur Eröffnung eines Restaurants entschlossen. Lakonisch und mit einem leicht selbst ironischen Unterton beginnt die Geschichte einer Frau, deren Herkommen sie nicht zu dem bestimmt hat, was sie jetzt gerade tut: sie eröffnet in Paris ein Restaurant mit Namen < Chez moi >.
Von ihrer Mitarbeit in einem Circus bis hierher ist sie einen weiten Weg gegangen. Jetzt wird sie im < Chez moi > zu Hause sein, ihr Restaurant betreiben und auch dort wohnen. Einen anderen Ort hat sie nicht mehr, und warum das so ist, das erfahren wir erst ganz allmählich.
Mit ihrem Bruder trifft sie sich zu einem gemeinsamen Essen, und gleich ist ihre Kinderzeit wieder gegenwärtig! Sie pflegen eine gemeinsame Diktion, und ihre Welt lässt die hässliche Gegenwart, die von allerlei unguten Begleiterscheinungen verunziert war, außen vor. Die unnachahmliche Szene dieser Begegnung ist dem wahren Leben zwischen Geschwistern abgeschaut. Charles kam nach einigen Jahren, in denen er seinem Ehrgeiz frönte, zurück, "er zündete ein Streichholz an, ließ zwei kleine Enttäuschungen fallen, die sofort Feuer fingen, und gab mir meine Jugend zurück."
Im Stil dieser amüsanten Parabel setzt die Autorin eine Erzählung fort, die den Leser weit zurück in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart der Icherzählerin führt. Mosaiksteinchen gleich fügt sich ein Bild zusammen, in dem Myriam die Hauptrolle spielt: einst hatte sie einen Mann, einen Sohn und stammte aus einer angesehenen Familie. Doch dann geriet ihr Leben aus den Fugen, und nun zeigt sich eine Frau, die Rebellin und Individuum genug ist, um sich ein ganz eigenes Leben zu gestalten. Ihr Restaurant wird anders sein als alle, weil es die Kinder und die Großen gleichermaßen ansprechen wird, und weil es keine herkömmlichen Hierarchien geben wird.
Ben, ein geheimnisvoller Weltverbesserer, ist ihr treuester und selbstloser Helfer. Zwei Philosophiestudentinnen sind ihre ersten Gäste. Später werden Menschen aus allen Schichten in ihr Lokal strömen. Kochrezepte mit einer Vielzahl bekannter Gewürze lassen ahnen, wie gut es bei ihr schmeckt! Das "Chez moi" ist klein, überschaubar und hat Atmosphäre. Es wird allmählich zu einem Geheimtipp in der Gegend.
Anzeige In gleichsam schwebender Manier erfährt man zuletzt Myriams Geschichte. Sie hat sich den herkömmlichen Regeln bürgerlicher Lebensart widersetzt und ist als Folge ihres Verhaltens aus ihren Gesellschaftskreisen ausgeschlossen worden. Weit davon entfernt, ihren Werdegang zu heroisieren, legt sie eher dar, wie kompliziert das Leben wird, wenn man sich außerhalb geltender Regeln platziert. Mit ihrer Lebenshaltung erregt sie unabsichtlich überall Bewunderung und versteht es, immer neue und gute Freunde zu gewinnen.
Der Roman ist auf anrührende Art und Weise altmodisch konzipiert. Humorvoll und selbstironisch behält die Hauptprotagonistin ihren distanzierenden Ton in ihrer Selbstdarstellung bei und erscheint doch warmherzig, lebensklug und zuweilen traurig. Die entworfenen Bilder gleichen Filigranvorlagen, die alles sehr plastisch erscheinen lassen.
Die kleine Küche und der Verschlag, in dem Myriam nächtigt, sind ebenso gegenwärtig wie die nach und nach zahlreicher antretenden Gäste des Lokals.
Es geht um eigenwillige Schicksalswege, deren Spuren man aufmerksam folgt. Alle Mitspieler wirken echt und überzeugend und sind ausgeprägte Individualisten. Liebe, Schmerz und Kummer sind eingebettet in eine Lebensgeschichte, die voller Irrtümer und zwischenmenschlich reicher Erfahrung steckt. Poetisch, liebevoll und mit aufmerksamer Beobachtung ist der Autorin ein Roman gelungen, der alle Erwartungen an gehobene Unterhaltungslektüre erfüllt. Man darf gespannt sein!
Die Autorin schreibt einen blendenden Stil, intelligent und mit klar strukturiertem Inhalt. Zu Recht wurde mit ihrem Roman 2006 für einen renommierten Literaturpreis nominiert.