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Alabama Song PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 26-08-2008 17:00
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Die Salamanderfrau oder Der Krieg zu zweit

alabama_song_120.jpgGilles Leroy erzählt die Geschichte von Zelda Sayr Fitzgerald, der Frau des berühmten F. Scott Fitzgerald, der mit "Der große Gatsby" in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Für sein virtuoses Werk erhielt er 2007 den "Prix Goncourt".

„Ich weiß nicht, was für ein Buch ich da in einem Rutsch, mit einer einzigen Tintenfüllung, geschrieben habe. Ich weiß nicht, was daran gefallen könnte - es gibt keine Liebesaffäre, keine Verwicklungen, keine Gefühlsverwirrungen -, doch etwas Wichtiges spüre ich: eine Spannung, die das Ganze vom ersten bis zum letzten Satz zusammenhält. Eine vibrierende Saite ... kurz vor dem Zerreißen?“ So lässt Gilles Leroy seine Protagonistin sinnieren, die, eingesperrt in einer psychiatrischen Klinik, zwischen Elektroschocks und Kaltwasserbehandlungen zur "Reinigung" ihres verworrenen Geistes, heimlich einen Roman schreibt. Sie ist niemand geringeres als die Frau des "großen Gatsby", des "letzten Tycoons", des Urgroßneffen des Dichters der amerikanischen Nationalhymne - sein Name: Francis Scott Fitzgerald.

Virtuos zeichnet der Autor Zelda Sayr Fitzgeralds Leben nach, von der lebenshungrigen, flippigen femme fatale aus Alabama, bis zur gebrochenen Frau, die zuletzt an zu viel Leben "verhungerte" und ihren alkoholkranken Mann nur um acht Jahre überlebte. Die zwei zuvor zitierten Sätze offenbaren eine Schlüsselfunktion. Zum einen können sie auf Zeldas Leben, zum anderen auf den Roman und dessen Lektüregenuss angewandt werden.

'In einem Rutsch' wurde aus der lebenshungrigen, sich nach Freiheit sehnenden Südstaatenschönheit, der jüngsten Tochter eines Richters und Enkelin eines Gouverneurs und Senators aus dem Provinznest Montgomery, an der Seite ihres Jazz-Age Wunderkindes und dessen literarischem Erfolges, die Glamourlady der Hautevolee der "Roaring Twenties" in New York, Paris und der Côte d'Azur: „Ich rauche, ich trinke, ich tanze und ich treibe es, mit wem ich will“.

Nervenzusammenbrüche, Hysterie und Depressione

'Es gibt keine Liebesaffäre, keine Verwicklungen, keine Gefühlsverwirrungen...', schreibt sie über ihren Roman. Oh nein, dieser Satz trifft wahrhaft nicht auf ihr Leben und das ihres Mannes zu. Hier muss das Wörtchen 'keine' einfach aus dem Satz gestrichen werden, denn Liebesaffären, Verwicklungen und Gefühlsverwirrungen gibt es bei beiden en masse. Durch Scotts zunehmende literarische Schaffenskrise Ende der Zwanziger und den damit einhergehenden vermehrt exzessiven Alkoholkonsum sowie Zeldas Langeweile am Jet-Set-Leben, das sie trotz eigener künstlerischer Aktivitäten - sie schreibt, tanzt und malt - nicht erfüllt, kommt es bei beiden zu tiefen partnerschaftlichen Beziehungsproblemen, verstärkt noch durch finanzielle Schwierigkeiten.

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Nach einer intensiven Liebesaffäre mit einem französischen Piloten und der von ihrem Mann erzwungenen Abtreibung der daraus gewachsenen Liebesfrucht, ist ihre Ehe endgültig zerrüttet und wird zum Martyrium. Gegenseitige Kränkungen, Eifersuchtsszenen und Vorwürfe begleiten ihren banalen Alltag. Sie wirft ihm vor, er würde ihre Ideen und Manuskripte stehlen und unter eigenem Namen veröffentlichen, „Ich war einmal seine Modellpuppe, nun bin ich sein Meerschweinchen. Seine Versuchsvogelscheuche. Ich bin in seinen Augen mittlerweile ein solches Nichts, dass er sich kaum die Mühe gemacht hat, meine Formulierungen zu ändern“. Auch Hemingway, der im Roman einen anderen Namen erhält, und seine (angebliche) Affäre mit Scott werden an die Öffentlichkeit gezerrt.

Nervenzusammenbrüche, Hysterie und Depressionen lassen Zelda die letzten siebzehn Jahre ihres Lebens zu einem großen Teil in Nervenheilanstalten zubringen. Im Jahr 1948 kommt die nunmehr verwelkte "Muse" ihres "Goofos" - wie sie Scott zärtlich nennt -, bei einem Klinikbrand ums Leben. Die Salamanderfrau, deren Leben einst lichterloh in Flammen stand, konnte ihr Feuer zeitlebens nicht löschen und die 'vibrierende Saite', die letztendlich der Spannung nicht gewachsen war, zerriss.

Eine Wiedergutmachung

'Eine Spannung, die das Ganze vom ersten bis zum letzten Satz zusammenhält. Eine vibrierende Saite ... kurz vor dem Zerreißen', so kann man auch den Duktus des Buches bezeichnen, welches 2007 den "Prix Goncourt", die höchste Auszeichnung der Literaturwelt Frankreichs, erhielt. Der 1958 geborene Autor, der sich bei den Lesern seiner Generation einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreut, und schon mehrere Preise einheimste, begreift den Prozess des Buch-Schreibens als "Zitat des Zitats des Zitats". Mit einem einfachen und klaren Stil in der Ich-Form, mit kurzen Sätzen wie in Stein gemeißelt, ohne irgendwelche literarische Ausschmückungen - jedes Mehr wäre zuviel gewesen -, beleuchtet der Franzose das Leben aus der Perspektive von Zelda neu. Auch wenn er sich von einer biografischen Lesart seines schmalen Buches distanziert, spielt er virtuos mit den Vorwürfen der authentischen Miss Fitzgerald und lässt seine literarische als ihre eigene Wahrheit verkünden.

Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern springt in verschiedenen Zeitebenen vor und wieder zurück; eine Geschichte in Rückblicken, deren Stil an Tagebuchaufzeichnungen erinnert. Wunderschöne Sätze wie - „ [...]Wie die Treppen der Metro glitzern, […]schwarzer Teer mit Glimmersteinchen, so dass aus jedem Schritt, aus jeder Stufe ein langsamer Abstieg in den umgekehrten Himmel wird, in die schwarze Tunnelnacht, wo du vergeblich eine bekannte Konstellation am Gewölbe suchst." - wechseln mit nüchternen Feststellungen ab - "Ich habe einen ehrgeizigen Künstler geheiratet, und jetzt, zwölf Jahre später, finde ich mich als alte Schachtel an der Seite eines Säufers mit einem Berg von Schulden wieder“.- und wurden von Xenia Osthelder ohne Abstriche harmonisch ins Deutsche übertragen. Leroy versteht es virtuos, magische Momente mit schockierenden zu alternieren, spitzt manchmal zu und übertreibt, um im nächsten Satz zärtliche, hoch emotionale, aber niemals weinselige Töne anzuschlagen und somit das Bild dieser zerrissenen Frau großartig wiederzugeben.

Leicht ist das Buch jedoch nicht zu lesen. Aber wenn man sich in dem ungewöhnlichen Stil "eingelesen" hat, nimmt es gefangen, fasziniert und erzeugt "eine Spannung, die das Ganze vom ersten bis zum letzten Satz zusammenhält. Eine vibrierende Saite ... kurz vor dem Zerreißen". "Alabama Song" ist selbst, was die Protagonisten verkörperten: Literatur - auf keinen Fall leichte Unterhaltung.

Und: Es ist eine Wiedergutmachung: „Adieu, Zelda. Es war mir eine Ehre“, schließt der Autor in seinem letzten Satz.

Fazit:

Gilles Leroy erzählt mit einem großartigen, kunstvollen Duktus von zwei Menschen, die an zu viel Leben zerbrechen. Atemberaubend gelingt ihm vor allem die glaubhafte Darstellung einer Frau, die einst keine Grenzen kannte und glaubte, durchs Feuer gehen zu können, ohne sich zu verbrennen: Zelda Sayr Fitzgerald - die Amy Winehouse der Zwanziger.

"Trennt euch, das ist das Einzige, was man tun kann."

"Aber wie sollen wir leben?"

"Wie Menschen."

(Juan Rulfo: "Pedro Páramo")

 

Bibliographische Angaben


Leroy Gilles
Alabama Song
Eine Hymne auf die Liebe und die Literatur!

Aus dem Französischen von Xenia Osthelder
Kein & Aber AG, Juli 2008
240 Seiten; gebunde; 19,90 EURO
ISBN-10: 3036955224
ISBN-13: 978-3036955223

 

Klappentext


Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 2007

Zelda und F. Scott Fitzgerald waren das Glamourpaar der 20er Jahre. In Alabama Song lässt der Goncourtpreisträger Gilles Leroy Zelda selbst die Geschichte ihrer großen, zerstörerischen Liebe erzählen.
Montgomery, Alabama, im Juni 1918: Inmitten der Scharen von lärmenden Soldaten verliebt sich die selbstbewusste Zelda, Tochter des Richters Anthony Sayre, in einen gutaussehenden Leutnant aus dem Norden: F. Scott Fitzgerald. Dieser kennt nur ein Ziel: Er will der berühmteste Schriftsteller Amerikas werden.
Kein Jahr später sind die beiden verheiratet und beginnen ein rastloses, exzessives Leben. In New York, Paris, an der Côte d'Azur begegnen sie den großen Künstlern ihrer Zeit, geben sich dem kollektiven Lebensrausch einer ganzen Epoche hin. Doch während Scott hier den Stoff für seine berühmten Romane findet, muss sich Zelda ein Leben lang verstecken, um schreiben zu können.
Zelda Sayre galt lange als die hysterische Verrückte an der Seite des Schriftstellergenies. In seinem preisgekrönten Roman zeichnet Gilles Leroy nun das faszinierende Bild einer über die Maßen begabten, willensstarken Frau - Schriftstellerin, Tänzerin, Malerin -, der ihr Lebenshunger zum Verhängnis wurde.



Letztes Update: 26-08-2008 16:57

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Leroy Gilles, Francis Scott Fitzgerald, Zelda Sayr, Der große Gatsby, Liebe, Ehe, Hass, Glamour, Zwanziger Jahre, Prix Goncourt
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