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Herrin der Lüge PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 28-07-2008 09:00
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Herrin der LügeDer kleinere der Jungen stolperte – nicht zum ersten Mal. Der Mann fluchte leise, zerrte ihn zurück auf die Füße und wünschte insgeheim, er könnte sanfter sein, liebevoller, wie es sich für einen Vater gehörte.

Es war der dritte Tag der Plünderung, und noch immer wehten Feuer in lodernden Flammenstürmen über die Dächer und Kuppeln Konstantinopels hinweg, schlängelten sich in zerfransten Glutspiralen an Türmen empor und fauchten hungrig durch die Gassen und einstigen Prachtstraßen.

 

1204 erobert ein Kreuzfahrerheer Konstantinopel und plündert es. Das byzantinische Weltreich ist zerstört, Konstantinopel fortan keine reiche Weltstadt mehr, sondern eine heruntergekommene Kleinstadt, die bald den Osmanen in die Hände fallen wird. Was die Kreuzfahrer angeblich verhindern wollten, erreichen sie: über Anatolien wird der Halbmond herrschen. Venedig hat es so gewollt, der Papst distanziert sich von dem Massaker, aber im Reich munkelt man, dass er durchaus nicht so unschuldig daran ist, wie er behauptet. Beweisen lässt sich das aber nicht.

Saga ist Seiltänzerin, einer der Gaukler, die durch die Lande ziehen, aber wenig Rechte haben. Ihr Bruder beschäftigt sich nebenbei mit kleineren Diebereien und bald sitzt er im Kerker der Gräfin Violante. Diebstahl ist ein schweres Verbrechen. Saga will ihren Bruder retten und die Gräfin bietet ihr einen Ausweg an.

Denn Saga kann nicht nur Seiltanzen. Sie kann lügen. In ihr wohnt ein Lügengeist und wenn sie ihm die Herrschaft über ihre Zunge überlässt, dann bildet der Worte, die falsch sind, aber gerne geglaubt werden. Saga kann jeden belügen.

Vorausgesetzt, er möchte belogen werden. Nur dann gewinnt der Lügengeist Macht.

Jetzt soll Saga junge Mädchen belügen und zu einem Kreuzzug der Jungfrauen aufrufen, dann wird ihr Bruder freigelassen.

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Saga lässt sich auf den Handel ein. Anfänglich hat sie Skrupel wegen ihrer Kreuzzugspredigten, doch immer mehr gerät sie selbst in den Bann ihrer Worte. Schließlich folgen ihr fünftausend Mädchen, die von zu Hause fortlaufen; Eltern, Verlobte und elende Heime verlassen, um im Morgenland ihr Glück zu finden.

Warum ruft die Gräfin einen Kreuzzug aus? Zunächst scheint es, dass sie damit ihren Mann suchen will, der im heiligen Land verschollen ist. Doch die Lüge beherrscht nicht nur Saga und im Roman ist keiner ohne Schuld.

Kai Meyer hat mit diesem Buch ein dickes Meisterwerk vorgelegt. Er fängt die Zeit der Kreuzzüge ein, fügt etwas Fantasy dazu, baut einen perfekten Spannungsbogen, auf dem er seine Figuren tanzen lässt und hält den Leser bis zur letzten Seite in Bann. Und zum Schluss präsentiert er eine Lösung, die durchaus möglich gewesen sein könnte, auch wenn es nie einen Kreuzzug der Jungfrauen gegeben hat – wenn auch einige ähnliche Unternehmungen.

Auch stilistisch ist das Werk aus einem Guss, im Gegensatz zu so manchem anderen historischem Roman. Kai Meyer hat sich in den letzten Jahren zu einem Ausnahmeautor entwickelt. Nicht dass seine früheren Werke schlecht gewesen wären, aber von der Alchimistin zur Herrin der Lüge, von der fließenden Königin zu Seide und Schwert kann jeder Leser die Entwicklung verfolgen.

Für Action-Fans könnte dieses Buch eine Enttäuschung sein. Am Anfang entwickelt sich der Roman ruhig, die Personen und deren Konflikte stehen im Vordergrund. Doch sie sind es, die am Ende dann für um so mehr Handlung und Action sorgen.

Fazit: Ein ganz außergewöhnlicher Roman um Lüge und Wahrheit, Glauben und Realität.

Bibliographische Angaben

Kai Meyer
Herrin der Lüge
Historischer Roman
Lübbe, Juli 2008
TB, 828 Seiten, Euro 9,95
ISBN-13: 978-3-404-15891-1

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Klappentext

Frühjahr 1210. Der Bürgerkrieg hat das Land verheert, und ein Raunen geistert durch Dörfer und Burgen: Eine neue Heilige predigt den Kreuzzug gegen die Ungläubigen - doch nur Frauen sollen ihr folgen, unberührt und jung. Die Menschen nennen sie die Magdalena, aber in Wahrheit steckt im Gewand der Predigerin die junge Gauklerin Saga. Von der skrupellosen Gräfin Violante von Lerch in diese Rolle gezwungen, besitzt Saga ein besonderes Talent: Sie ist die beste Lügnerin der Welt. Was immer sie behauptet - die Menschen müssen ihr glauben.
Während Saga mit tausenden Anhängerinnen gen Jerusalem zieht, macht sich ihr Zwillingsbruder Faun auf, sie aus den Fängen der Gräfin zu befreien. Gemeinsam mit der Herumtreiberin Tiessa folgt er dem Kreuzzug der Jungfrauen durch ein verwüstetes Europa, über das Mittelmeer bis ins Heilige Land.
Nicht nur Gräfin Violante, auch der mächtige Templerorden, Papst Innozenz und sogar der Kaiser - ein jeder hat eigene mitleidlose Gründe, den Krieg der Jungfrauen gegen die Ungläubigen zu entfachen. Und Saga erkennt: Wenn es ihr nicht gelingt, ihre eigene Schwäche zu besiegen, wird sie fünftausend Unschuldige geradewegs in die Hölle führen.
Als die Stunde der Entscheidung naht, steht Saga vor der größten Aufgabe ihres Lebens. Gemeinsam mit Faun und Tiessa kommt sie einer monströsen Verschwörungen auf die Spur - der Lüge im Herzen der Christenheit!


Letztes Update: 01-08-2008 16:38

Veröffentlicht in : Buch, Historischer Roman
Schlüsselworte : Kai Meyer, Herrin der Lüge, Kreuzzüge, Damaskus, Syrien, Johanniter, Jerusalem, Venedig, Philip von Schwaben, Otto IV, Beatrix, Welfen, Byzanz, vierter Demagoge
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