„Weltmeister im Überleben“ ist Roland Farwick – zumindest betitelt sich der einstige Spitzensportler spöttisch selbst so. Nach einem olympischen Patzer fand seine Karriere ein rapides Ende, nichtsdestotrotz verschwand der Zehnkämpfer niemals aus der Öffentlichkeit. Nun füllt der Weltrekordhalter abermals die Schlagzeilen, nachdem auf ihn geschossen wurde. Das Attentat bedeutet aber nicht das Ende der Geschichte des Überlebens-Weltmeisters, sondern ist der Ausgangspunkt eines Mehrkampfes im geflügelten Sinne: einer versteckten Rivalität zweier Männer, die in allen Bereichen des Lebens ausgefochten wird, bis in die www-Weiten eines virtuellen Seekrieges hinein.
Die beinahe tödlichen Schüsse rufen nämlich einen Zweiten mit auf den Plan: den Kommissar Ludger Grambach, ein am Leben gescheitertes Genie, dessen eigener Niedergang sich in einer Parallele zu Farwicks Scheitern vollzog. Der Ermittler sucht nun ebenso verbissen nach dem verhinderten Mörder wie auch nach einem wunden Punkt des überlebensgroßen Farwick, denn ein Sieg im Fall Farwick – vielmehr ein Sieg über Farwick – bedeutet gleichsam ein Triumph über ein Versagen, das dem seinen gleichkommt.
„Egal, was er tut, es wird das Falsche sein“, überschreibt der Roman das Schicksal zweier Mittvierziger, die beide als Überflieger auf ihrem Gebiet galten, beide eine Bruchlandung erfuhren und nun einen letzten Sieg fordern: einen Sieg über ihr Leben. Auf dem Übungsplatz eines Sportler-Krimis entwickelt sich eine unterschwellige Fehde zweier Männer, die um eine Lebenswende kämpfen und ein Enden ihres Werdegangs im Status Quo nicht akzeptieren können.
In konsequentem Wechsel zwischen den beiden Hauptfiguren entrollt Burkward Spinnen seinen Mehrkampf zwischen vernarbter Vergangenheit und der Festlegung der Zukunft, zwischen virtuellen U-Boot-Kriegsspielen und realen Kämpfen um Partnerschaften.
Dem bewusst verknappten Erzählstil verdankt es sich, dass trotz eines umfassenden Erzählens das Geschehen stets uneinsichtig wirkt – als wäre die Filmkamera zu nahe am Gegenstand, wodurch die Übersicht gesperrt wird und die eigentlichen Vorgänge dem Einblick entzogen bleiben. Ein Buch, das im Grunde nichts verschweigt und dennoch wenig eindeutig werden lässt. Ein Krimi vom Leben, von der Midlifecrisis und der Selbstentscheidung.
Los Angeles 1984. Roland Farwick patzt beim Weitsprung. Das kostet den weltbesten Zehnkämpfer die Medaille und seine Karriere. Zwanzig Jahre später wird er angeschossen; prompt setzt er sein still gestelltes Leben wieder in Bewegung. Er gründet eine Familie.Und gewinnt einen Partner. Der ermittelnde Hauptkommissar Ludger Grambach ist einer der Millionen, die Zeugen von Farwicks Schicksal wurden. Und seine eigene Geschichte als gescheitertes Genie ist mit der des Zehnkämpfers eng verknüpft. Statt Freundschaft aber beginnt ein Duell, das sich an der Oberfläche der Ermittlungsarbeit und in den Tiefen eines Internetspiels abspielt. Bis alles, was vor zwanzig Jahren aufgeschoben wurde, endlich ausgetragen werden muss.Burkhard Spinnens Roman Mehrkampf nutzt virtuos das Krimi-Genre, um über Mittvierziger zu erzählen, die sich gegen das Älterwerden stemmen. Der Zehnkämpfer verwaltet seine Geschichte. Der ehemals Hochbegabte wartet immer noch darauf, dass er seine Bestimmung findet. Spinnen bringt das Kunststück fertig, einen spannenden Kriminalroman und zugleich ein Lehrstück über eine ganze Generation von Männern und ihre Flucht vor der Verantwortung zu schreiben.