Was macht man, wenn die große Liebe vorbei ist und die Kinder aus dem Haus sind? Wenn man erkennen muss, dass man nicht das Leben führt, das man sich als Jugendliche erträumt hat und der Ehemann einem schon lange nicht mehr geben kann, was man braucht und erwartet? Valery, die Protagonistin in Manfred Rumpls berührendem Roman "Ihr Mann und der Fremde" entscheidet sich dafür, heimlich aus ihrem eintönigen Leben mit ihrem langweiligen Ehemann auszubrechen und sich eine völlig neue Welt zu erschließen, in der es kaum Regeln und ganz gewiss keine Hemmungen gibt.
Und auf der anderen Seite: Was macht man, wenn das Leben perfekt zu sein scheint - die zwei Kinder, die man sich gewünscht hat, sind groß und aus dem Haus, die Frau beginnt wieder zu arbeiten, das Haus ist abbezahlt. Wenn dann plötzich die eigene Ehefrau tot vor einem Stundenhotel aufgefunden wird - offensichtlich aus dem Fenster gestürzt - und man in ihren Tagebüchern erfährt, dass sie als Prostituierte gearbeitet hat. Wenn man also erkennen muss, dass man seine eigene Frau nicht gekannt hat und das Leben im Wesentlichen nur Fassade war - was macht man dann?
Denn als Valery sich bewusst wird, dass nichts in ihrem Leben so läuft, wie sie es wollte, sondern alles sich so eingerichtet hat, wie ihr Mann es wollte, beginnt sie ein geheimes Parallelleben: Sie wird Prostituierte. Ihrem Mann erzählt sie freilich nichts davon, sondern lebt sich im Geheimen aus, holt die Jugend nach, die ihr durch die frühe Schwangerschaft und Hochzeit mit Zett verwehrt blieb. Durch ihre eher außergewöhnliche Nebenbeschäftigung lernt sie einen anderen Mann - den Fremden - kennen und lieben. Je länger die Affäre andauert, um so mehr verfällt sie ihm bis zur völligen Selbtsaufgabe und letztendlich ihrem Tod.
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Im stetigen Wechsel kommen beide Eheleute in diesem Roman in der Ich-Form zu Wort und schildern ihre Sicht auf die Dinge und auf ihre Ehe. Zett, sachlicher Ingenieur, fällt es zwar auf, dass seine Frau oft abwesend wirkt und ihn nicht mehr sonderlich zu mögen scheint, doch er denkt sich nichts dabei. Auch die Aussage, dass sie ab sofort als Aushilfe in einer Versicherung arbeitet, glaubt er ihr sofort. Es war noch nie seine Stärke, die Gefühlswelt anderer Menschen, vor allem die der Frauen, zu verstehen. Das Bild, das Valery von ihrer Ehe zeichnet, ist ein völlig anderes. Sie fühlt sich wie in einen Käfig eingesperrt und kann erst mit dem Fremden wieder richtig durchatmen.
Manfred Rumpl zeichnet gefühlvoll und mit großem Einfühlungsvermögen das Charakterportrait einer enttäuschten Frau. Wer dabei an "Eine gebrochene Frau" von simone de Beauvoir denkt, liegt nicht ganz verkehrt - nur dass Valery eben nicht nur über ihre enttäuschende Situation kontempliert und philosophiert, sondern sich selbst aus ihr befreit. Durch die ausschweifende und freizügige Liaison zu dem "Fremden", dessen Identität erst ihre Tochter nach ihrem Tod aufdeckt, lässt sie die Erwartungen der Umwelt an sie hinter sich und lebt das Leben so, wie sie es will.
Interessant ist, dass Valery sich offenbar nur durch die ausschweifende Sexualität aus ihrer Tristesse befreien kann - zwar ist der Roman nicht so pornographisch, wie der Verlag ihn ankündigt ("Ein literarischer Porno") und auch gegen ein Buch wie "Feuchtgebiete" wird er recht artig wirken. Trotz allem hat er seine explizit erotischen Szenen, die Manfred Rumpl aber fernab von jeglicher Geschmackslosigkeit aufbaut und erzählt. Durchzogen ist der Freiheitslauf Valerys durch den Versuch ihres Mannes und ihrer Tochter, sie im Nachhinein zu verstehen.
Fazit: Eine enttäuschte Frau findet Erfüllung in einer hemmungslosen Affäre - dramatisch, temporeich und tiefmelancholisch von Manfred Rumpl beschrieben. Absolut lesenswert!