So wie der geträumte Augustschnee, " … der niederfällt, schmilzt und sich in breite Bäche verwandelt", sind auch Olja Savicevic’s Geschichten. Winzige Teile, Ausschnitte aus dem Leben eines beliebigen Menschen, präzise gezeichnet wie Schneeflocken, im Grundmuster leicht erkennbar, ähnlich aber niemals identisch, gemeinsam zum Strom des Lebens werdend.
Mit dem Scharfblick eines Menschen, welcher als Kind unendlich viel Zeit zum Beobachten, Nachdenken, Wachsen und sich die Welt erschließen hatte, erfasst die Autorin Lebenssituationen, Augenblicke oder Stimmungen von unvergesslicher Poesie oder gnadenloser Brutalität, wie sie in jedem Menschenleben vorkommen können oder könnten. Sie setzt ihre Feder äußerst geschickt dort an, wo die individuelle Situation noch sehr allgemein ist und lässt jedes Mal dem Leser die Möglichkeit, sein eigenes, im Hier und Jetzt zu ihm passendes Ende zu finden.
Die traumwandlerische Sicherheit, mit der Olja Savicevic diesen Dialog mit dem Leser beherrscht, die Souveränität dieses Spieles mit der Botschaft und ihr Mut, Lösungen niemals vorzuschreiben sondern sich in dem Augenblick von ihren Protagonisten/innen zu lösen, in dem der Leser anfängt, sich mit diesen zu identifizieren, ist von der ersten bis zur letzten Geschichte bemerkenswert.
Die Schemenhaftigkeit, die zuweilen schwere Greifbarkeit, jedoch niemals Unbegreifbarkeit der Geschichten können jedoch nicht über die klare Absicht der Autorin hinwegtäuschen, die Unentrinnbarkeit des Schicksals, die Vergänglichkeit und den trügerischen Schein der Ausweglosigkeit, aber auch die Kraft und Macht von Träumen, dem Reichtum der Armen, der Hoffnung der Hoffnungslosen, jenen dünnen "Silberfäden", welche die verzweifelte Wirklichkeit mit der notwendigen Fortsetzung eines anscheinend sinnlosen Lebens verbinden, anhand von banalen Ereignissen aus dem Leben banaler Menschen zu beschreiben.
Die ersten Geschichten, voller Kindheitspoesie, mit jener Prise Unwirklichkeit, welche sich aus dem jugendlichen Nichtverstehen des Lebens und des Erwachsenwerdens ergibt, führen die Hand des Lesers sanft und liebevoll an längst verheilte Wunden der eigenen Seele und geben ihm das wohlige Gefühl, all dies zu kennen, zu verstehen und schmunzelnd zu akzeptieren.
Weiter geht es mit der Erkenntnis, dass Erwachsenwerden, Sehen und Verstehen auch sehr schmerzhaft sein können, manchmal so sehr, dass man das Ungewisse, welches das Leben bereit hält, mehr fürchten muss als den Schritt über das Balkongeländer. Die beiden Geschichten "Ein Nachmittag mit Lucia Barbaric" und "Augustschnee" sind der berüchtigte Schritt zurück, der unweigerlich stattfinden muss, so sehr man auch vorwärts streben möchte, das Leben erfahren, spüren, lieben, lachen.
Der Liebe, der ersten, romantischen, platonischen, manchmal auch nur imaginären, aber auch der enttäuschten, erwachsenen und warum auch nicht wie im echten Leben, aus dem Leben selbst oder aus skurrilen Situationen heraus erwachsenden, ja fast schon opportunistischen Liebe und dem atavistischen Wunsch eines jeden Menschen nach seinem Gegenstück sind in der Folge einige Erzählungen gewidmet.
Anzeige Und dazwischen, wie zufällig hineingerutscht, Geschichten wie "Matinee", "Die gelbe Konservendose" oder "Schwuchteln". Geschichten in denen mehr oder weniger offensichtlich, manchmal auch nur am Ende eines Textes und ganz nebenbei, der längst nicht mehr hinterfragte, aber auch noch lange nicht akzeptierte Krieg, der Restsozialismus, der Mief der von der Zeit und der Kriegsgeneration überholten Gesellschaft des Ex- Jugoslawischen Horrorerbes durchschimmern.
Am Ende des Geschichtenbandes das Bild der "heutigen Jugend", der unnormalen Banalität. Kinder des Überflusses, für die "vor dem Krieg" oder "vor Rave und Ecstasy" nur synonyme chronologische Begriffe sind, deren Lebenshunger und Lebensfrust sich durch den Wohlstandsalltag kämpfen müssen.
Im letzten Satz der letzten Erzählung schließt sich der Kreis des Erzählens der eigenen Geschichte, die die neue Generation allerdings nicht mehr passiv erleben oder herbeiträumen muss, sondern erjagen, in der Hoffnung auf ein gutes Ende.
Olja Savicevic liefert auf 123 Seiten eine sprachliche Symphonie, deren Wort- und Melodiewahl bestens auf die einzelnen Inhalte abgestimmt ist. Mal verträumt, mal naiv, mal frech, mal vulgär; sie beherrscht sie alle, die Töne, die lauten und die leisen und auch den Wechsel zwischen den schweren und leichten Tonarten, zwischen zart geflöteten und hart getrommelten Worten.
Das kleine Werk der Autorin, einer meisterlichen Komponistin mit dem absoluten Gehör, wird durch eine kompetente, kluge und einfühlsame Übersetzung so geschickt in die deutsche Sprache dirigiert, dass ein äußerst gelungenes und für eine breite Leserschaft empfehlenswertes literarisches Erlebnis garantiert ist.