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Schöne neue Welt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Lena Svensson, am 18-07-2008 14:00
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schoeneneuewelt120.jpgWir schreiben das Jahr 2540, die uns bekannte Zivilisation ist durch einen Krieg untergegangen und durch die Gemeinschaft der schönen neuen Welt ersetzt worden. In dieser gibt es keine Revolutionen, Verbrechen, Wirtschaftskrisen oder politische Unruhen mehr, da sämtliche Störfaktoren von vornherein durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt aus dem Weg geräumt werden. Erscheint dieser Gesellschaftsentwurf zunächst als Ort vollkommener Idylle, so entpuppt sich diese Utopie schon bald als Hort der Unmenschlichkeit und Brutalität, in welcher die Menschen zugunsten des vermeindlichen Idealstaats ihre Identität aufgeben müssen.    

Die Handlung des fortschritts- und gesellschaftskritischen Romans spielt in einer fernen, aber bezifferbaren Zukunft, genauer gesagt 623 Jahre nach der Geburt des Automobilgiganten Henry Ford, dem "Gott" in der schönen neuen Welt. Verantwortlich für das reibungslose Zusammenleben in dieser perfekt organisierten Gesellschaft ist der "World Controller" Mustapha Mond, dessen Regierungstil streng auf den Prinzipien der Konditionierung, Perfektion und der Effizienz beruht. Er vereitelt rigoros jegliche Revolten oder Verbrechen, die gegen das oberste Gebot der Nützlichkeit und des Erfolgs der Gemeinschaft verstoßen könnten.

Einer der Grundpfeiler des Idealstaats ist die biologische Serienproduktion seiner Bürger. Gemäß des sogenannten "Bokanovskischen Verfahrens" werden in der Brut- und Normzentrale Berlin- Dahlem menschliche Embryos am Fließband produziert. Während eines kurzen Rundgangs erklärt der Direktor des Brutlabors die Richtlinien der einzelnen Fertigungsphasen: Den Embryos werden gleich unbelichteten Filmen Informationen aufgeprägt (auch das Geschlecht), sie werden (genetisch) programmiert und etikettiert, sodass dem Staat der Nachwuchs schließlich in nötiger Qualität und Quantität vorliegt. Folglich existiert in der schönen neuen Welt die einstige Keimzelle Familie nicht mehr, der Mensch kommt "genormt" und mit unverwechselbaren physischen wie psychischen Merkmalen seiner Kaste auf die Welt.  

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Die Prototypin einer solch konditionierten Bürgerin ist die Laborantin Lenina Braun. Sie ist Repräsentatin der Alphakaste, einer äußerst regimtreuen, fleißigen und angepassten Gesellschaftsgruppe. Dafür und für ihre Schönheit und Rechtschaffenheit wird sie von ihren männlichen Genossen bewundert. Häufig wechselt sie ihre Bekanntschaften, nimmt zum seelischen Ausgleich die Glücks- und Volksdroge Soma zu sich oder erliegt dem vom Staat gewünschten Konsumzwang. Dem gegenüber steht Siegmund Marx, seinerseits ebenso Mitarbeiter des Genlabors und Mitglied der Alphakaste, doch woran Lenina so leichtgläubig festhält, betrachtet Siegmund umso kritischer. Argwöhnisch nimmt er die Grundsätze des Staates unter die Lupe und wird aufgrund seiner Kritik an der Massenproduktion, der sexuellen Promiskuität oder des Gruppenzwangs zum Außenseiter und sogar zum Feind der Gesellschaft erkoren.

Ähnlich ergeht es Michel, dem "Wilden", der als Sohn des Direktors im Reservat und somit außerhalb des Gefüges der schönen neuen Welt aufwuchs. Isoliert von den Glaubenssätzen des Staates großgeworden, entspricht er nun im Erwachsenenalter nicht dem Muster der übrigen genormten Individuen. So versteht er etwa während seines Besuchs in der schönen neuen Welt nicht die zwanghafte Amüsiersucht seiner Altergenossen, die strikte Zuchtwahl oder das Kastensystem des Staates und reagiert daher völlig verstört und ablehnend auf jene Naturgesetze. Ihm mag es nicht in den Sinn kommen, wie sich der Mensch zum Wohl des Staates scheinbar freiwillig seiner Individualität und seines Rechts auf Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit berauben lässt. In langen Diskussionen versucht Michel deshalb seine Mitmenschen von dieser Unmenschlichkeit zu überzeugen und sie auf ihre Unterdrückung von Seiten des Staates hinzuweisen. Doch leider muss er bald erkennen, dass sämtliche Bemühungen seinerseits kläglich scheitern, da die Bewohner gar nichts an den für sie akzeptablen Lebensumständen ändern wollen.
Für ihn selbst wird dieser Zustand jedoch zunehmend zum Alptraum; er fühlt sich als Marionette und zu ökonomischen Zwecken missbraucht, woraufhin er fluchtartig die Stadt verlässt und sich zum Schutz in einen verlassenen Leuchturm auf dem Land zurückzieht. Doch auch in dieser Einöde wird er von den Geistern der schönen neuen Welt eingeholt, auch hier wird ihm sein Wunsch nach Menschsein verwehrt, sodass dem Wilden schließlich als einzige Fluchtmöglichkeit aus der alles vereinahmenden Welt sein tragischer Selbstmord bleibt.

Was ist das für eine Welt in die der Autor seine Leserschaft eintauchen lässt? Da ist die Rede von Konditionierung, von zielgerichteter Herstellung oder biologischer Funktionstüchtigkeit, sodass sich  folgerichtig der Eindruck eines technokratisch gezeichneten Weltstaats ergibt. Alles wird von Maschinen produziert und programmiert, sämtliche Schlechtigkeiten zugunsten der Harmonie ausgemerzt, nur um den Zustand vollkommener Glückseeligkeit nicht zu gefährden; welch paradiesische Verhältnisse mag sich da der ein oder andere Leser denken. So gleicht die schöne neue Welt auch auf den ersten Blick dem Garten Eden, doch schnell verkehrt sich bei näherer Betrachtung jene Perfektion ins Gegenteil. Werte verlieren ihren Sinn, da den Bürgern ihr Anspruch auf Menschlichkeit abgesprochen wird.
Zu guter Letzt stellt sich für jeden die Frage nach dem Sinn einer solch perfekt realisierten utopischen Idealgesellschaft, wenn dabei am Ende der Mensch auf der Strecke bleibt.  

Sicherlich lässt sich der Roman nicht dem Genre seichter Unterhaltungsliteratur zuordnen, er ist erschreckend düster, hoch wissenschftlich und mitunter etwas langatmig, doch wer sich intensiver mit Huxleys Gedanken- und Ideenwelt befassen möchte, dem sei dieses Werk dringend empfohlen. An Aktualität hat der Roman in unsererm Zeitalter der Genmanipulation und Digitalisierung jedenfalls nichts verloren.

Bibliographische Angaben


Aldous Huxley
Schöne neue Welt
Fischer, 64., Auflage, 1997
S. 252, gebunden, EUR 7,95
ISBN 3596200261

Weiteres

Klappentext

"Die schöne neue Welt, die Huxley hier beschreibt, ist die Welt einer konsequent verwirklichten Wohlstandsgesellschaft »im Jahre 632 nach Ford«, einer Wohlstandsgesellschaft, in der alle Menschen am Luxus teilhaben, in der Unruhe, Elend und Krankheit überwunden, in der aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben sind. Eine totale Herrschaft garantiert ein genormtes Glück. In dieser vollkommen »formierten« Gesellschaft erscheint jede Art von Individualismus als »asozial«, wird als »Wilder« betrachtet, wer - wie einer der rebellischen Außenseiter dieses Romans - für sich fordert: »Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!"



Letztes Update: 18-07-2008 15:11

Veröffentlicht in : Buch, Klassiker
Schlüsselworte : Aldous Huxley, Schöne neue Welt, Moderne, 20. Jahrhundert, Utopie/Dystopie, Massenproduktion, Gentechnik
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