Es gibt Gespenster. Sie sind rastlos. Sie spuken umher und verbreiten Schrecken. Weil sie keinen Platz im Leben haben sind sie ständig auf der Suche nach Erlösung, ihrer Bestimmung. Sie wollen endlich ankommen.
Um dieses Getriebensein geht es in Judith Hermanns Erzählband "Nichts als Gespenster" von 2003. Regisseur Martin Gypkens hat sich vier Erzählungen aus diesem Band sowie eine Geschichte aus Hermanns Debüt "Sommerhaus, später" herausgesucht und auf die Leinwand gebracht. Soeben ist die DVD erschienen.
Während die Handlungen in "Sommerhaus, später" in Berlin spielen, geht es für die Protagonisten diesmal in die Welt hinaus. Da sind Ellen (Maria Simon) und Felix (August Diehl), die gemeinsam in den USA von Küste zu Küste reisen. Oder Marion (Fritzi Haberlandt), die ihre Eltern während deren Reise in Venedig begleitet. Im kalten Island treffen Jonas (Wotan Wilke Möhring) und Irene (Ina Weisse) deren alten Freund und seine Frau, während die beiden Freundinnen Nora (Jessica Schwarz) und Christine (Brigitte Hobmeier) Noras Exfreund auf Jamaika besuchen. Und schließlich ist da noch Ruth, die heimlich dem Freund ihrer besten Freundin nachreist.
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So unterschiedlich die Schauplätze der Handlungen auch sind, so haben sie doch ein einigendes Band, eine Kette, die die Geschichten zusammenhält: Die Sehnsucht, den eigenen Platz im Leben zu finden. Die Glieder dieser Kette sind die alltäglichen Dinge, die großen Gefühle, die uns im Kleinen begegnen. Es geht um die Liebe und ums Verliebtsein. Um das Loslassen. Es geht um Freundschaft und um den Umgang mit Nähe. Und hier knüpft Gypkens ein zweites Band - die Atmosphäre. Wie schon Hermann in ihrem Buch, gelingt es auch Gypkens mit seinem Film eine ganz besondere Stimmung zu schaffen. Eine Stimmung der Melancholie, die die Figuren umweht. Ganz genau gibt er den Klang der Bilder vor und seine Schauspieler erfüllen ihm seine Wünsche. Mit wenigen, dafür aber treffsicheren Worten und Gesten spiegeln sie die Sehnsucht der Akteure wider, "den eigenen Blick auf die Dinge zu finden". Dazwischen stehen die dunklen Gefühle des Lebens, der Verrat, der Neid, die Ungeduld. Die Freude, so scheint es im Film, hat immer einen bitteren Beigeschmack. Halt in den Atempausen des Lebens gibt den Figuren stets eine Zigarette. Das Tun im Nichtstun. Das Anhalten des Lebens bis die Glut heruntergebrannt ist. Dann beginnt die Suche von neuem.
Einen der Schauspieler besonders hervorzuheben wäre stillos. Jeder einzelne haucht den Geschichten ihren eigenen Charakter ein ohne das Gemeinsame zu vergessen. Und Regisseur Gypkens schafft es zusammen mit Kamerafrau Eeva Fleig ganz eigene Bilder für die Schwere der Gefühle zu finden. In kurzen Ausschnitten springt Gypkens von Ort zu Ort, gibt den Geschichten immer nur kurze Momente, sich zu entfalten und schafft es so, zumindest ein geringes Grundmaß an Spannung aufzubauen. Zuviel hätte auch nur geschadet, hätte das Eigentliche übertönen können. So entstand ein ruhiger, dahinziehender Film, der ohne große Höhepunkte auskommt. Dem die leisen Momente die Richtung geben. Der von der Zerrissenheit zwischen dem Heute und dem Morgen lebt. Von den Vorstellungen vom Leben. Von nichts als Gespenstern.
Nichts als Gespenster Nach dem Erzählband "Nichts als Gespenster" von Judith Hermann
Regie: Martin Gypkens
Drehbuch: Martin Gypkens
Darsteller: August Diehl, Fritzi Haberlandt, Jessica Schwarz, Maria Simon, Wotan Wilke Möhring, Brigitte Hobmeier, Ina Weisse, Sólveig Arnarsdóttir, Chiara Schoras
Kamera: Eeva Fleig
DVD
Spieldauer: ca. 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Senator
Preis: 17,95 Euro