Vor gut einem Jahr stellte der Darmstädter Autor Christian Gude erstmals den wenig sympathischen Kriminalkommissar Karl Rünz der Öffentlichkeit vor und schaffte einen beeindruckenden Balanceakt – einen Regionalkrimi, der überregional Anerkennung fand. Mit „Binärcode“ legt Gude jetzt den zweiten Fall für Rünz nach.
Wieder einmal ist das Ganze eigentlich eine Nummer zu groß für Rünz,der weder Fremdsprachen beherrscht noch gern die Beschaulichkeit seiner Heimatstadt verlässt, kurz: zusammen mit einer französischen Austauschpolizistin gerät er in eine Schießerei, in der ein Italiener ermordet wird, vermutlich von einem russischen Scharfschützen. Der Italiener war für die Europäische Raumfahrtagentur tätig, die in Darmstadt ihr Kontrollzentrum hat. Aber wer würde einen harmlosen Raumfahrtingenieur umbringen wollen, und warum? Das sind die Fragen, mit denen Rünz sich in seinem zweiten Fall herumschlagen muss.
Daneben plagt ihn, wie auch schon im ersten Band, der alltägliche Wahnsinn: seine Ehe ist die Hölle, sein Chef ein geltungssüchtiger, Managementbücher verschlingender Aufschneider, und dann wäre da noch sein kleiner Tick, die ständige Angst, sich an verunreinigtem Besteck zu vergiften und übergeben zu müssen. Als er schließlich im Zuge der Ermittlungen einen folgenschweren Fehler macht und in einem einfachen Testsignal eine außerirdische Botschaft wittert, wird er zusätzlich noch zum Gespött seiner Kollegen. Und schließlich kommt auch noch die Prostituierte Yvonne ums Leben, deren Kunde er seit Jahren ist – hinter dem Rücken seiner Frau. Alles in allem: schwere Zeiten für Rünz.
Auch die Ermittlungen gehen eher schleppend voran, zumal sich Rünz nach der Schießerei erst einmal im Krankenhaus erholen und sein volles Gedächtnis wiedererlangen muss und der Arzt ihm empfiehlt, mit Nordic Walking anzufangen – was nach Yoga, Pilates, vegetarischer Ernährung, Engagement bei Greenpeace und Sex mit seiner Frau so ungefähr das letzte ist, was ihm als Freizeitbeschäftigung vorschwebt. Doch langsam lichtet sich der Nebel zwischen Waffenhändlern auf dem Darmstädter Flohmarkt und den internationalen Beziehungen der ESA.
Gude bedient sich auch in „Binärcode“ wieder den typischen Zutaten des ersten Rünz-Falles: eine ordentliche Recherche, ein herzlicher Mangel an political correctness und vor allem viel sarkastischer Humor, mit der neben der Hauptfigur Rünz vor allem dessen Vorgesetzter Hoven geschildert wird. Insbesondere dieser Humor ist es, der „Binärcode“ von der Masse anderer, teils bierernster Kriminalromane abhebt.
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Doch anders als in „Mosquito“ gelingt Gude die Balance diesmal nicht so gut – zu viel Gewicht erhalten Details wie die Geschichte der ESA-Missionen oder Hovens Management-Spleen, der zudem im zweiten Band so überzeichnet daherkommt, dass er nicht mehr glaubwürdig, sondern zu sehr vom Autor aufgesetzt wirkt. Über allem Sarkasmus scheint Gude hin und wieder zu vergessen, dass seine Hauptfigur auch noch einen Fall zu lösen hat. Der tritt dabei so sehr in den Hintergrund, dass man auch als Leser zwischendurch schon einmal vergisst, worum es eigentlich in den Ermittlungen geht.
Nach dem äußerst gelungenen Debüt „Mosquito“ hätte man von Gude einen etwas stärkeren Roman erwartet. Auch wenn die Idee, einen Kriminalfall in der europäischen Raumfahrtagentur anzusiedeln und einem damit völlig überlasteten Rünz aufzudrücken, durchaus charmant ist, wirkt die Umsetzung leider etwas hölzern und zu wenig fokussiert.