Sie ist der Stoff, aus dem die Literatur ist: die Sprache. Sie begleitet jeden Romanhelden, die Höhepunkte einer jeden Geschichte und jede unerwartete literarische Wendung – und trotzdem sieht man sie kaum zwischen all den Geschichten und Buchstaben. Hans-Ulrich Möhring, selbst Übersetzer, macht sie zur eigentlichen Heldin eines ungewöhnlichen Buches über das Übersetzen: eben kein Sachbuch zu diesem Thema, sondern ein Roman! Und dann auch noch einer, der einen in das Faszinosum zweier Grenzgänger mitnimmt, die sich an der Sprache reiben.
Unterwegs zur Sprache nannte Heidegger einst seinen einflussreichen Band über unser primäres Mitteilungsmedium, in dem er allein durch den Titel bereits signalisiert, dass wir die Sprache niemals fest besitzen, sondern allenfalls immer neu in ihr ankommen. Auch Möhrings Romanhelden sind unterwegs zur Sprache; sie ringen tagtäglich und Seite um Seite mit ihr: Der eine ein amerikanischer Autor mit deutschen Wurzeln, der Ich-Erzähler des Romans, der aus einer Esoterikerfamilie stammend auch in seinem Literatenleben vorzüglich über die Einswerdungsmystik ursprünglicher Kulturen schreibt. Der andere, gleichermaßen namenlos bleibend, ist sein deutscher Übersetzer und überdies ein wahrer Kauz. Er fühlt sich „in der Sprache zuhause“, wo er sonst nirgends so recht heimisch zu sein scheint: Menschenscheu und verschlossen lebt er im eigentlichen Sine in den Texten, die Verschwiegenheit hat er zu seiner Muse gekürt. Er ist ein Charakter, der eigentlich erst in der Auflösung des Romans als solcher eingeführt wird. Vorgeblich interessiert er sich weder für die literarischen Geschichten noch für deren Autoren – einzig die Sprache ist sein Lebenselixier, in ihrem Strom schwimmt er, der Über-Setzer zwischen den Ufern der Kulturen.
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Das Zusammentreffen mit dieser skurrilen Gestalt, die zwischen verstocktem Schweigen und wahren Monolog-Fluten pendelt, irritiert den Autoren in einer Weise, die er selbst nicht recht benennen kann. Von Treffen zu Treffen über die Jahre hinweg verstrickt er sich in einer kaum erklärlichen Faszination, die zu einem Ringen mit dem eigenen Stoff – sei es literarisch, sei es biographisch – ausufert: „Er oder ich?“, fragt der Roman gleich in der ersten Zeile. Doch von Begegnung zu Begegnung entgegnet ihnen beiden vor allem eines: die Sprache, die überall die (Fall-)Stricke zieht.
„Ich bin in der Sprache zuhause“, sagte er, „und nicht in dem grammatischen Korsett, in das sie gezwängt wird.“
Zwischen all diesem Geschehen wird dem Leser lebensnah nähergebracht, was sonst in Lehrbüchern verstaubt: Die Sprachtheorie, die vor allem im Nachkriegsdeutschland ihren Aufwind erlebte und zum „Königsweg“ (Oswald Wiener) aller Disziplinen geworden zu sein schien, die Übersetzungstheorien vom Deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts bis zur Moderne, ja sogar die Zeitgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts wird noch einmal lebendig. Das Erstaunliche von Möhrings Roman ist, dass all diese Facetten ganz nebenbei ineinander überfließen, ohne dass es jemals gekünstelt oder sogar erzwungen wirkt – was sich hauptsächlich Möhrings dichtem und dennoch lese-nahem Schreiben verdankt, das den Roman trägt. Vom Schweigen meines Übersetzers ist ein Roman, der eher über Kommentare und Reflexionen funktioniert als über eine Erzählgeschichte, nichtsdestotrotz wird tiefverankerte Theorie selten so lebensnah wie in diesem ungewöhnlichen Buch. Mit dem Leit-Thema des Übersetzers schreibt der Roman ein ungewöhnliches Konzept aus, das fast vierhundert Seiten lang aufgeht, erst der Abschluss enttäuscht – doch kann dieser doch nur deshalb enttäuschen, weil die Seiten zuvor allzu treffend waren.
Für all diejenigen, die sich mit der Sprache beschäftigen, ist Möhrings Roman ein Fundstück, das mehr als nur Wiedersehensfreude bringt. Für alle anderen ist Vom Schweigen meines Übersetzers ein ungewöhnliches Buch, das einem Stoff, der uns tagtäglich umgibt und dennoch stets unsichtbar bleibt, eine lebensnahe Perspektive gibt. Lesenswert.