Ende Juni erwartete Konstanz ein echtes Highlight: Maria Barbal war einen ganzen Tag zu Gast und erfreute das Publikum, insbesondere auch die Studenten der Universität Konstanz, die sich in diesem Semester in einem Seminar Barbals bisher neuesten Werk País íntim widmen, das im September in Deutschland unter dem Titel Inneres Land (Transit Verlag, €19,80) erscheinen wird.
So stand Maria Barbal vormittags lediglich den Studenten in einem Workshop zur Verfügung, in dem sie inhaltliche Fragen beantwortete, aber auch auf ihre Herangehensweise an einen neuen Roman einging sowie über die Rezeption ihres Werkes in Katalonien und Spanien und die Problematik der Übersetzungen von katalanischen Werken ins Spanische sprach.
Spannend für alle Interessenten wurde es dann nachmittags, als nach einführenden Worten von Studenten, von Prof. Dr. Georg Kaiser – der auf die Zweisprachigkeit und die daraus resultierenden Probleme des Katalanischen einging – sowie von Prof. Dr. Pere Joan i Tous, der wie bei Wie ein Stein im Geröll erneut ein Nachwort verfasst hat, um den Kontext zu erläutern und damit das Verständnis zu fördern, Maria Barbal die "Bühne" betrat.
Zunächst sprach sie auf Katalanisch über die Beweggründe zu schreiben. Hier ein Auszug, der von Konstanzer Studentinnen übersetzt und vorgelesen wurde:
„Zweifellos kann die Lebensgeschichte eines Anderen einen literarischen Impuls darstellen. Im Übrigen denke ich, ein Schriftsteller ist nichts weiter als "ein Mensch wie Du und ich", sein Leben unterscheidet sich nicht viel von dem anderer Menschen, es ist keineswegs außergewöhnlicher. Im Gegensatz dazu steht die große Fülle an Geschichten aus aller Welt, die den Schriftstellern als Grundlage ihrer Werke dienen können und ihnen nicht zuletzt durch die Massenmedien zugetragen werden . Warum also das literarische Schaffen auf der eigenen Lebensgeschichte aufbauen? Die Antwort kann in den eigenen Erfahrungen zu finden sein, Erfahrungen, die individuell, einzigartig und äußerst vielschichtig sind. […]
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Mein erster starker Antrieb zum Schreiben ging aus dem Bedürfnis hervor, eine Antwort auf gewisse Dinge zu finden, die sich während des Spanischen Bürgerkriegs im Leben meiner Eltern ereignet haben. Was uns Kinder anging, schien ihnen das Verheimlichen, das Verschweigen die einzig angebrachte Haltung zu sein. Das ließ sich aber nicht durchhalten und bestimmte nicht zuletzt auch die Art und Weise, wie uns das Wissen über das, was im Krieg geschehen war, vermittelt wurde: bruchstückhaft, unzusammenhängend, stets emotionell aufgeladen. In diesem Zusammenhang gab es noch einen weiteren Antrieb zum Schreiben für mich, und zwar die Suche nach den Gründen für die fehlende Solidarität der Menschen untereinander, Menschen, die eigentlich unpolitisch waren. Und noch etwas weiteres, in diesem Fall etwas Positives, trieb mich um. Wie mag es den Besiegten wohl gelungen sein, die soziale Ächtung während der Nachkriegszeit zu überwinden, wie haben sie es unter Franco geschafft, ihre Stigmatisierung als Katalanen innerhalb einer ganz und gar kastilisch geprägten Gesellschaft zu ertragen. […]
Ich bin davon überzeugt, dass das, was einen Menschen wirklich antreibt, seine Emotionen und Erinnerungen sind, aber nicht das Ressentiment und auch nicht der Wunsch nach Rache. Gerade diese Emotionen und Erinnerungen sind es, die uns Schriftsteller zum Schreiben drängen, um so den Schmerz zu verringern, um so Empathie und Solidarität zu finden. […]
Eine Biographie macht nicht nur das aus, was man im engen Familienkreis erlebt hat. Es begegnen dem Schriftsteller, es bewegen ihn vielmehr auch die vielschichtigen Veränderungen in seinem politischen, ökonomischen und sozialen Umfeld, Veränderungen, die ihm einen breiten Fächer an potentiellen Themen bieten. In meinem Fall war dies der Umbruch im alltäglichen Leben der kleinen Pyrenäendörfer, so wie er sich in den 60er Jahren vollzogen hat. Bei Verwandten, Nachbarn und Bekannten konnte ich aus nächster Nähe die Flucht aus den kleinen Siedlungen in die großen Städte beobachten und somit den Übergang von einer Agrarwirtschaft zu einer Art industriellen und städtischen Ökonomie. Aus dieser Situation heraus entwickelten sich Themen, die mich menschlich und literarisch gleichermaßen bewegt haben. […]
Ich gestehe, dass ich selbst fast 30 Jahre damit verbracht habe, mich dem historischen Erbe meiner Generation zu entziehen, und vor allem dem, was die Geschichte meiner Familie ausmacht. Ich glaube, dass ich erst angefangen habe, dieses Erbe anzunehmen, wenn auch zunächst nur zaghaft, als ich meinen ersten Roman Wie ein Stein im Geröll geschrieben habe. Was Inneres Land anbelangt, so stellt mein generationelles und familiäres Erbe dagegen einen wesentlichen Antrieb des Romans dar. […]
Im Wesentlichen schreibe ich also, um zu verstehen.“
Und damit ist bereits vieles zu ihrem neuen Roman gesagt: Rita muss von Kindheit an mit der Verschlossenheit und der Unfähigkeit ihrer Mutter, Liebe und Freude auszudrücken, leben und einen Weg suchen, um damit umzugehen. Immer wieder versucht die Tochter dem Geheimnis dieses Verhaltens auf die Spur zu kommen, das „innere Land“ ihrer Mutter zu erschließen, das geprägt ist von Verlassenheit, Einsamkeit und Trauer um den Vater, der im Bürgerkrieg abgeholt wurde und nie wiederkam. Hier zeigt sich auch die Verbindung zu ihrem ersten Roman Wie ein Stein im Geröll, in dem Conxas Mann Jaume das selbe Schicksal ereilt. País íntim wurde in Katalonien mit dem angesehenen Prudenci-Bertrana-Preis ausgezeichnet.
Maria Barbal las aus ihrem Werk auf Katalanisch vor, die Übersetzerin Heike Nottebaum dann aus der deutschen Version. Im Anschluss ließ die Autorin den Abend gemeinsam mit ihrem Publikum bei einer fiesta catalana mit Wein und Snacks ausklingen. Für alle, die dies verpasst haben, bietet sich bald erneut die Chance, Maria Barbal live zu erleben. Ab Oktober wird sie auf Lesetour durch Deutschland sein. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.