„Wer weiß, ob jene Hälfte des Lebens, die wir zu wachen glauben, nicht ein anderer Schlaf ist....“
Mit Worten Pascals, die alles zu hinterfragen scheinen, beginnt ein Roman, der in seiner poetischen Schönheit verzaubert.
Man fühlt sich in Swanns Welt versetzt und weiß: hier erzählt einer in der Nachfolge Marcel Prousts!
Um 1900 begann Proust mit einer Erzählweise, die das Subjekt in den Vordergrund stellte, und das Erinnern zum Thema seines Romans machte. Das subjektive Erinnern nimmt in Form eines Icherzählers Gestalt an. Eine absolute Wahrheit gibt es nicht, vielmehr ist jeder Mensch von seinem eigenen Kosmos umgeben. Sinneseindrücke verhelfen den Kindheitserinnerungen ans Licht und machen Erlebnisse gegenwärtig, die lange zurückliegen.
Die gleichen empfindsamen Beobachtungen, Gefühle und Impressionen wie bei Proust wecken bei Green Sehnsüchte nach der vergangenen Zeit. Sie lassen an den Schmerz der Jugend denken, an die Einsamkeit und an Gedanken, die sich mit dem Tod befassen. Allerdings lösen bei Green weniger die Menschen als eher Gegenstände, Gerüche, Blumen, Vögel und der Sommer auf dem Land diese Gefühle aus.
Denis ist ein empfindsamer Junge, der der Düsternis seines Elternhauses entflieht. Der Vater, ein schwermütiger und wenig erfolgreicher Arzt, nimmt sich das Leben, die Mutter bleibt als arme und selbstmitleidige Frau zurück. Unsentimental wird über ihren Zustand berichtet, und fremd bleibt sie, die sich in ihrer eigenen Betrübnis eingesponnen hat. Der bewunderte Cousin Claude setzt sich schon früh aus dem Verwandtenhaushalt ab, in dem er nur widerwillig als Waisenkind gelebt hat. Denis fühlt Sehnsucht nach Claude, der ihn als Kind geneckt hat und ihm dadurch Angst einflößte. Später ergötzt er sich an den Statuen eines Bildhauers. Er nimmt die Bewegungen der Figuren, ihre Haltung und die ästhetische Schönheit der steinernen Bilder mit wacher Aufmerksamkeit wahr. Unterschwellig ist er angespannt und fühlt sich deutlich dem männlichen Geschlecht zugeneigt.
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Julien Green hat diesen Roman 1931 erstmals veröffentlicht. Seine feinfühlige und differenzierte Sprache zeugt von Tiefe der Beobachtungsgabe; Sehnsucht und Trübsal werden einfühlsam moderiert. Das schnelle Wegdrängen unguter Erlebnisse kann er treffend und lakonisch abhandeln. Ans Herz greift alleine die einsame Entwicklung, die Denis nimmt. Unbeirrt von seiner Loslösung aus allen menschlichen Bezügen, nimmt Denis die Welt und seine Gefühle ganz irdisch wahr und geht seinen steinigen Weg alleine. Jede Anteilnahme von anderen stört dabei nur.
Mit sensiblen Worten beschreibt der Autor eine Entwicklung, die von Schwermut durchdrungen ist. Jeder Halm und jeder Sonnenstrahl, jeder Geruch nach Vergänglichkeit und den Schatten des Lebens werden in den Geräuschen, Gebäuden und Gerüchen lebendig. Eine unübersehbare Melancholie überschattet den Text. Ein eigener Reiz von Erinnern und Vergehen, von Bewunderung und Lebensüberduß geht von ihm aus, dem man sich nicht entziehen kann.