Kann die Liebe Zeiten des Schreckens überstehen?
Diese Frage bewegt die Schriftstellerin Hanna Krall in ihrer Niederschrift, mit der sie der Verfolgten und der Überlebenden des Holocaust gedenkt.
Der Aufstand im Warschauer Ghetto bildet den Auftakt zu einer Reportage über die Verfolgung der Juden in Polen.
Sie schreibt damit auch über die eigenen Erinnerungen als Jüdin, die in Warschau geboren wurde und dort den Krieg im Versteck überlebte.
Mit schnellem Schnitt begibt sich Hanna Krall an ein Thema, das niemals zu Ende geschrieben werden kann.
Die Protagonisten sind unter Druck. Durch ihre Erlebnisse im Warschauer Ghetto sind die Figuren miteinander verbunden. Überschriften der einzelnen Kapitel wie „Die Schnürsenkel“, “Pension Zacheta “, „Das Zeichen “, „ Die Verlobung“ usw. suggerieren, es ginge um alltägliche Geschichten. Nichts an diesem Buch aber ist alltäglich. Da geht es um gefälschte Passierscheine, um Nahrung, Aufenthaltsbestimmungen, Flucht und Chaos. In den als Assoziationen verfassten Gedanken spürt man die Angst der Menschen, ihre Not und Todesfurcht. Ständige Identitätswechsel helfen bei der Strategie ums Überleben und lassen doch die Menschen an sich selber zweifeln. Manche gehen eher sofort in die Lager und in den Tod, als sich dem grausamen Schicksal der Verstecke, der Fluchthelfer und deren Hartherzigkeit zu stellen.
Die Hauptperson ist Izolda Regensberg alias Maria Pawlicka. Es hat sie wirklich gegeben, diese unbekannte Jüdin, deren Schicksal hier herauf beschworen wird. Mit dem Herzkönig als Trumpf, den ihr eine Wahrsagerin gelegt hat, nährt sie die Hoffnung, dass sie ihren Mann wieder sehen wird. Sie hat ihn erst kurz vor Beginn des Krieges kennen gelernt und bald darauf geheiratet. Und dann begannen die Transporte in die Lager und die Flucht vor den Schergen der Nazis!
Wird die Liebe allem, was kommt, standhalten? Was anfänglich unverbrüchlich erscheint, wird schnell fragwürdig in Zeiten von Krieg, Zerstörung und moralischem Verfall.
Izolda ist von Beginn der Verfolgung auf der Suche nach ihren Eltern, Geschwistern, Neffen und ihrem Mann. Sie hört, dass er im Lager Mauthaussen einsitzt. Mit ihren Aktivitäten versucht sie fortan alles, um ihre Verwandten zu befreien, zu verstecken oder zu versorgen. Dabei landet sie selber immer wieder in den Schreckenskammern der Gestapo, aus denen sie jedoch entkommt. Am Ende sucht sie nur noch ihren Mann! Jedes Mittel, ihn zu finden, ist ihr recht. Ob sie den Pfarrer um Hilfe angeht, den lieben Gott anruft oder ihren Körper verkauft: es geht immer und überall ums nackte Überleben und ihre Suche.
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Wie kann eine Liebe diese Zeiten überdauern? Wird sie untergehen im Elend von Flucht, Vertreibung und dem Leben im KZ?
Als Izolda ihren Mann zum Ende des Krieges im Lager Ebensee in Österreich wieder findet, ist nichts mehr wie es war.
Sie gehen beide mit gefälschten Pässen zurück nach Polen. Als ihre geborgte Identität nach Jahren auffliegt, erhalten sie jüdische Pässe, mit denen man sie zur Ausreise nach Österreich zwingt. Nach dem langen Überlebenskampf ist Izolda der Gegenwart nicht mehr gewachsen und findet sich in der Welt nicht mehr zurecht. Sie zieht zu ihren Töchtern nach Israel und lebt in Wortfetzen und Gedanken weiterhin im zweiten Weltkrieg.
Hanna Krall schreibt in einem ganz eigenen Stil, der die Not der Verfolgten greifbar werden lässt. Als folgte man selber den Wegen, Überlegungen und Fluchtversuchen fühlt man sich in den Sog der Erzählung hineingezogen. Zuerst zögerlich, dann immer drängender werden die Überlebensstrategien der Izolda Regensburg alias Maria Pawlicka. Dabei werden die Dinge in knappen Sätzen beim Namen genannt. Jedes überflüssige Wort fehlt. Gerade durch die kurzen Sätze und den sprunghaft aufgebauten Erzählstrom werden die Schrecken vorstellbar. In ihrer Steigerung der Angst, die sich in den Gewalttaten manifestiert, und mit dem Hunger, der Kälte und dem Darben im Gefolge einhergeht ist der Bericht über Izolda kaum zu überbieten. Die Apokalypse nimmt Gestalt an in Form des Verlustes aller zivilisatorischen Errungenschaften der Neuzeit.
Die eingefügten Fotos sind Zeichen dafür, dass sich hinter den geschilderten Begebenheiten eine wahre Geschichte verbirgt.
In dem ergreifenden, beklemmenden und erschütternden Buch wird das Vergangene wieder lebendig,--und wird uns niemals verlassen!
Hanna Krall weiß, wovon sie berichtet. Sie ist eine Meisterin des verborgenen Wortes. Ihre empfindsame Studie einer Überlebenden ist durchdrungen von eigenem Erleben und rührt tief ans Herz.
Die Übersetzung aus dem Polnischen von Renate Schmidgall ist dem Text überaus gerecht geworden!