Seine Dichtung ist ein Nach-Wort der Vergangenheit, sie schwingt in Schattenbildern am zeitlosen Ort der Erinnerung und verleiht dieser eine Sprachgestalt, die selbst zeitlos ist. Der Lyrik des 2007 verstorbenen Dichters Wolfgang Hilbig wird mit der neuerschienenen Gesamtausgabe ein Denkmal gesetzt, jedoch ein Denkmal, das lebendig ist: Der Gedichtband, erster Teil einer siebenbändigen Werkausgabe, setzt seinen Schwerpunkt auf 153 bislang unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass, was eine Neubelebung der Hilbig-Forschung erwarten lässt.
Eine Dichtung aus einem Eingang zur Unterwelt sei das Schreiben Wolfgang Hilbigs, empfindet Uwe Kolb in seinem Nachwort zur Werksausgabe. Mit dieser Metapher findet er das vielleicht treffendste Bild für jene dunkle Poesie, die in Schemen der Vergangenheit wurzelt und doch jahrzehntelang den Weg aufzeigte, den die Dichtung Deutschlands ging. Eine Dichtung aus einem Eingang zur Unterwelt, jenem zeitlosen Ort, an dem die spukhaften Schemen der Vergangenheit ihre Gestalt finden, einem Ort, an dem die Welt der Lebenden verschweigen muss und an dem doch die Erinnerung spricht, vor allem aber einem Ort der Antike. Auch Hilbigs Lyrik ist „aus Erinnerung hergestellt“. Es ist eine dunkle Poesie, in der die ebenso ungreifbaren wie verschwiegenen Schattenbilder des Vergangenen ihre Gestalt erhalten, in der sie nahezu fassbar werden, aber eben nur nahezu. Nicht zuletzt ist es eine Dichtung, die in ihrem Formwillen in der Antike fußt und immer wieder die alten Verse aufgreift und erneuert, um in der Rückwendung eine Gegenwart zu finden. Kurzum: Es ist eine Lyrik aus der Unterwelt unserer eigenen Geschichte, aus der Unterwelt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
An Hilbigs schriftstellerischer Entwicklung kann man die lyrischen Tendenzen der vergangenen Jahrzehnte ablesen, dennoch ging er nie in den Strömungen unter, sondern prägte ihren Wellengang gerade durch seine eigene poetische Kraft. Hilbigs frühe Dichtung kommt aus der selbstskeptischen dunklen Lyrik der Nachkriegszeit, die an Sprache zweifelt und an der Welt verzweifelt, die die Verbrechen der Zeit ob ihrer Ausmaße nicht mehr in Sprache zu kleiden vermag: eine Lyrik, die Sprache und Sinn zerbricht angesichts der Sprachlosigkeit des Menschen vor seiner sinnlosen Zerstörung:
„alles das letzte ist uns zerstört unsere hände
zuletzt zerbrochen unsere worte zerbrochen: komm doch
geh weg bleib hier – eine restlos zerbrochene sprache
einander vermengt und völlig egal in allem
und der wir nachlaufen in unserer abwesenheit“
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Hilbig aber verstummt nicht, seine Lyrik ist eine volltönende Stimme in den Hallen des Schweigens. Wo andere Dichter ihre Sprache an den Rand der Verstehbarkeit treiben, zeichnet sich Hilbigs Sprache in all ihrer Dunkelheit durch ihre Plastizität aus. „Wolfgang Hilbig beschreibt Gerüche, Staub und Hitze so, dass der Leser riecht, schnieft, schwitzt und die letzten Seiten mit rußgeschwärzten Fingern umblättert“, schrieb einst die Berliner Zeitung.
Aus jenen verschwiegenen Mauern der Nachkriegszeit heraus tritt Hilbig in die Dichtung des geteilten Deutschlands, um seinen eigenen dunklen, ja im wahrsten Sinne des Wortes „durstigen“ Ton in die lyrischen Landschaften des DDR-Gedichts zu tragen. Die Bewältigung jener Zeit und das Weiterströmen der lyrischen Sprachentwicklung ist insbesondere seinem jüngsten Lyrikband „Bilder vom Erzählen“ abzulesen, das sich deutlich an der Dichterbewegung der 80er/90er-Jahre beteiligt, die eine Erneuerung der Form anstrebt und antike Verse neu wendet.
All jene Klassiker der Dichtung, die sich im „Pflichtteil“ der ersten 280 Seiten versammeln, wären bereits das Geld der Gesamtausgabe wert. Ein erfreuliches Hauptaugenmerk fällt jedoch auf die „Kür“: 153 bisher unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass, die weitere 200 Seiten des Gesamtbandes ausmachen. Gerade aufgrund dieser Zentrierung wird das Buch über einen Dichter der Erinnerung den Erinnerungsprozess an diesen Dichter entfachen. In Anbetracht der neuen Texte wird die Gesamtausgabe zweifellos die Hilbig-Forschung neu beleben und ihm einen neuen Stellenwert in der Wissenschaft vom Wort einräumen.
Einziger Kritikpunkt dieses sonst gelungenen ersten Teils der Werkausgabe sind die Anmerkungen, die arg spärlich ausfallen – was schmerzlich ist in einem Buch, das gerade auch die Forschung neu konfrontiert – nichtsdestotrotz ist der Band einschränkungslos zu empfehlen.
„Das Meer verhüllt von Licht: verhüllt von Helligkeit...
im Sinn von Licht: ein Lilienweiß um nichts zu sein
als Weiß der Lilien – und Meer um nichts als Meer
zu sein und ohne Maß: und Mond-Abwesenheit –
welch Leuchten das seine lange Überfahrt antritt
und jedes Land vergißt auf nichts bedacht als Ewigkeit –
das Meer: das nicht mehr Tag noch Nacht ist sondern Zeit.“
Wolfgang Hilbig Werke 1. Gedichte Herausgegeben von Jörg Bong, Jürgen Hosemann und Oliver Vogel
S. Fischer, Frankfurt am Main 2008
538 Seiten, gebunden, 22,90 Euro
ISBN 3100336410
Als Wolfgang Hilbig am 2. Juni 2007 starb, verlor die deutschsprachige Literatur eine einzigartige Stimme. Bis zuletzt gelangen ihm Gedichte von dunkler, träumerischer Schönheit sie waren der Anfang und das Ende seines Schreibens. Selbst in seinen großen Romanen war der lyrische Ton unüberhörbar. Ausgehend von den Traditionen der Romantik, des Symbolismus, des Expressionismus und geprägt von den Alltagserfahrungen eines Arbeiterlebens in der DDR,schuf er sich seine eigene Sprache: leidenschaftlich und voll brennender Sehnsucht, elegisch, grüblerisch, zärtlich. Es spricht ein Widerständiger und Verletzter, ein »Traumverlorener, ein versprengter Paradiesgänger« (Süddeutsche Zeitung) es spricht ein Dichter, ein Mensch.