Bei dem Titel "Die Reifeprüfung" gilt der erste Gedanke meist dem großartigen Film von 1967 mit Dustin Hoffman. Charles Webb schrieb den Roman, auf dem das Drehbuch basiert. Der ist nicht nur sehr lesenswert, sondern nun auch hörenswert: Robert Stadlober liest eine gekürzte Fassung.
Benjamin Braddock müsste eigentlich glücklich sein. Der junge Mann hat gerade einen ausgezeichneten Highschool-Abschluss hingelegt. Jetzt winkt ihm ein Stipendium und seine Eltern, Lehrer und Freunde sehen ihn schon als zukünftigen Top-Pädagogen. Doch Benjamin ist sich da nicht so sicher. Ist das wirklich, was er will? Interessiert ihn das überhaupt? Was bringt das alles? Und hat er sich den Erfolg verdient?
Benjamin braucht Zeit zum Nachdenken. Doch leider scheint das niemand zu verstehen. Seine Eltern schmeißen für ihren Ben eine Party, der Hausfreund Mr. Robinson will sich ständig mit ihm unterhalten und Mrs. Robinson will ihn gar verführen. Da Benjamin im Rebellieren keine Übung hat, kann er seinen Wunsch nach Ruhe zunächst nicht durchsetzen. Und was Mrs. Robinson angeht: die Annäherungsversuche einer reifen Frau sprechen letztendlich doch die geheimsten Wünsche eines Highschool-Boys an. Und so gibt Benjamin seinen Widerstand schnell auf und landet mit der Dame im Bett. Eine Affäre, die nicht ewig dauern kann. Und die kompliziert wird, als Ben auf die Tochter der Robinsons trifft.
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"Die Reifeprüfung" handelt nicht nur von der Liaison zwischen Jung und Alt. Und obwohl es bei den geheimen Treffen am Ende auf den Sex hinausläuft, geht es nicht bloß um körperliche Bedürfnisse. Vielmehr zeigt Autor Charles Webb die Entwicklung eines jungen Mannes, der entdeckt, wie "unfrei" er ist. Gerade im prüden Amerika der 1960er ist Benjamins Rolle in der Gesellschaft bereits festgelegt. Alternativen gehören einfach nicht zum Plan. Benjamin wird sich nach seinem Schulabschluss zwar dieser Fremdbestimmtheit bewusst, doch kann er sich dem nur schwer entziehen. Er möchte seine Eltern nicht enttäuschen, nicht undankbar sein. Außerdem hat er nie gelernt, etwas wirklich eigenes zu tun, und so ist auch sein Ausbruchsversuch eher passiv. Benjamin zieht sich zurück und flüchtet in die besagte Affäre. Wenigstens ein bisschen Abenteuer und ein wenig Raum, den er für sich hat. Das Thema, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, hat an Aktualität sicher nicht verloren.
Gelesen wird das Hörbuch von Robert Stadlober, der einen idealen Benjamin Braddock gibt. Der Schauspieler liest überzeugend mit der entsprechenden Verzweiflung, Wut, Ungeduld, Patzigkeit, dem Desinteresse, aber auch der Sanftheit. Stadlober wurde 1982 geboren und es fällt ihm merklich leicht dem jungen Ben seine Stimme zu leihen. Mit dieser Leichtigkeit liest Stadlober auch den Rest der Geschichte. Ob es nun Mrs. Robinson ist oder die Erzählerpassagen, Stadlober wirkt nie angestrengt oder verstellt. Vor allem wirkt er auch nie zu jung oder zu alt. Es passt einfach.
Fazit: Unter einer Masse an Hörbüchern, deren Sprecher entweder einschläfernd oder zu aufgedreht sind, ist "Die Reifeprüfung" dank Stadlober ein Genuss. Ein gutes Buch trifft auf die richtige Stimme: Top.
Charles Webb Die Reifeprüfung gekürzte Lesung
gelesen von Robert Stadlober
Random House Audio
Mai 2008
4 CDs, ca. 280 Minuten
ISBN-10: 3866048661
ISBN-13: 978-3866048669
Preis: 19,95 Euro