"Welche Freude wird das sein,
wenn die Götter uns bedenken,
unsrer Liebe Kinder zu schenken,
so liebe, kleine Kinderlein"
Dieses Zitat aus Emanuel Schickaneders "Zauberflöte"-Libretto steht dem aktuellen und inzwischen 16. Roman Donna Leons als Motto voran. Und in der Tat geht es in "Lasset die Kinder zu mir kommen" um die (vergebliche) Freude, um Götter, bzw. dubiose Halbgötter in weiß, und natürlich auch um die Liebe. Doch der Reihe nach…
Der Roman beginnt mit zwei furchtbar-kitschigen Ereignissen: Wir erleben Kinderarzt Gustavo Pedrolli an einem seiner glücklichsten Momente, denn sein Sohn Alfredo hat ihn zum ersten Mal Papa genannt. Und wie Mann halt so ist, läuft er gleich zu seiner Frau und berichtet ihr freudestrahlend, dass SEIN Sohn ihn nun endlich Papa genannt habe… Wenige Stunden später wird das Haus der Pedrollis gestürmt, das Kind entführt und der Vater schwer verletzt.
Es stellt sich heraus, dass Pedrollis Kind adoptiert wurde und das auch noch illegal, was der Auslöser für die gewaltsame Razzia der Carabinieri war. Als Commissario Brunetti mitten in der Nacht ins Krankenhaus gerufen wird, um den verletzten Kinderarzt zu vernehmen, stößt er mit seinen Fragen ins Leere, denn Pedrolli hat durch den Schock seine Sprache verloren – allein der Leumund seiner Kollegen lässt ihn aufhorchen: Ein wirklich krimineller Mensch kann dieser Pedrolli doch nicht gewesen sein …
Selbst wenn das Kind, das immerhin 1,5 Jahre von seiner Pflegefamilie bestens versorgt wurde, illegal adoptiert wurde, ist es da nicht unmenschlicher, das Kind eben dieser Obhut zu entreißen und es stattdessen in ein Pflegeheim zu stecken? Vor dieser Frage steht Brunetti, und diesen Fragen müssen sich auch die Carabinieri stellen, die ihre Razzien italienweit durchgeführt haben. Die Diskussionen und Dialoge, die sich rund um diese (moralische) Frage drehen, sind Leon außerordentlich klug und gut gelungen. Entsprechend kommt sie auch zu keinem eindeutigen Ergebnis.
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Die Art und Weise, in der sie aber den Kriminalfall vorantreibt, ist leider alles andere als subtil und fällt gegenüber vielen ihrer bisherigen Krimis ab. Zu konstruiert ist die Fallhöhe, auf die sie Pedrolli hievt, zu abgegriffen der Trick, denjenigen, der gleich zu Beginn entscheidende Hinweise auf den Fall geben könnte, verstummen zu lassen und zu gewollt wirkt der zweite parallel verlaufende Fall, an dem Brunettis Kollege arbeitet und der – natürlich – am Ende auch den ersten Fall betrifft. Und warum sind es immer und gerade Kinderärzte, die unfruchtbar sind!?! Kann einem da nicht ein anderer Beruf einafallen; es ist ja nicht so, dass es auf dieser Welt und in Italien keine Alternativen zu unfruchtbaren Kinderärzten und Hebammen geben würde ...
Als Urlaubs- und Strandlektüre allerdings ist das Buch bestens geeignet. Es liest sich flott runter, man kann an der ein oder anderen Stelle durchaus auch mal laut auflachen. Und die Auflösung des Falls, wer nun wirklich hinter der Razzia steckt bzw. wer den Carabinieri den Tipp gegeben hat, mal etwas genauer zu untersuchen, wie Pedrolli zu seinem Kinde kam, ist wirklich ziemlich überraschend und gelungen.
Donna Leon-Fans werden hier sowieso bedenkenlos zugreifen – denn da weiß man, was man hat. Nicht mehr – aber auch nicht viel weniger!
Donna Leon Lasset die Kinder zu mir kommen. Commissario Brunettis sechzehnter Fall. Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke
Diogenes, 2008
360 Seiten, gebunden, EUR 21,90
ISBN 10: 3257066317
ISBN 13: 978-3257066319