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Kein Land für alte Männer PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 06-06-2008 15:20
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Kein Land für alte Männer"Tiefe Schatten. Stille. Nichts."

- Der lebendige Prophet der Vernichtung (Amerikas) -

Ein Mann wird durch die bei einem Bandenkrieg "übrig gebliebenen" Millionen aus seinem gewohnten Leben geworfen: Eine philosophische und moralische Betrachtung über Gewalt und Tod, aber auch des Lebens und seiner Werte: ein lang nachwirkendes Hörbuch, großartig gelesen von Christian Brückner.

Am 24. Februar 2008 war es wieder soweit. Glanz, Glimmer und Stars bei der Oscar-Preisverleihung in Los Angeles. Ein Film räumte kräftig ab: Vier Oscars für "No Country for Old Men" (bester Film, Javier Bardem als bester Nebendarsteller, bester Regisseur und bestes adaptiertes Drehbuch von Joel und Ethan Coen). Das Buch zu diesem Film schrieb ein ebenfalls preisgekrönter Schriftsteller: der 73-jährige Cormac McCarthy, der 2007 eine der wichtigsten Auszeichnungen in den USA erhielt - den Pulitzer-Preis.
Zuletzt brillierte McCarthy in deutschen Landen mit seinem Endzeitdrama "Die Straße". Bereits 2006 schrieb er den ebenso brillanten wie schockierenden texanischen Psychothriller-Roadmovie-Western "Kein Land für alte Männer", der nun auf Deutsch erschien.

Der Handlungsablauf ist in wenigen Sätzen erzählt: Der 36-jährige Vietnam-Veteran und Hobby-Jäger Lleweyln Moss stößt in der Wüste zufällig auf den Schauplatz eines blutigen Massakers: Drei zerschossene Autos, kiloweise Heroin, ein halbes Dutzend Tote und ein Koffer mit 2,4 Millionen Dollar, den er an sich nimmt. Fortan wird er von zwei konkurrierenden Drogenbanden und einem psychopathischen Killer mit diabolischem Abrechnungswahn - Anton Chigurh - gejagt: eine Eskalation der Gewalt im Zeichen des Drogenkrieges an der texanisch-mexikanischen Grenze um 1980.

Jeder Satz wie in Stein gemeißelt

Gewalt, Blut, jede Menge Leichen und Schilderungen furchtbarer Grausamkeiten in gewohnt lakonischer Sprache, die jeden Satz in Stein meißeln, bestimmen große Teile des Hörbuchs. Dem gegenüber stehen grandiose - in ihrer Detailgenauigkeit fast naturalistische - Beschreibungen der texanischen Landschaft, bemerkenswerte Dialoge über Gott und die Welt und tief melancholische Überlegungen zum Zustand der amerikanischen Gesellschaft.

Sheriff Bell, aus dessen Sicht erzählt wird, verkörpert in seinen bemerkenswerten inneren Dialogen die typischen Themen von Cormac McCarthy: die Möglichkeit des Neuanfangs, die Lügen und die Wahrheit, das Reflektieren der eigenen Geschichte, Liebe, Respekt und Treue, Schuld und Sühne und gleichzeitig das Nicht-mehr-Verstehen der moderne Welt. "Irgendwo da draußen gibt's einen wahrhaftigen, lebendigen Propheten der Vernichtung, und dem will ich mich nicht stellen. (...) Und ich glaub, dafür müsste man seine Seele aufs Spiel setzen. Und das tu ich nicht. Heute glaub ich, dass ich das vielleicht nie getan hätte." So lautet das hilflose Resümee des Sheriffs. Seine Botschaft: Die neuen Zeiten sind schlecht für alte Männer, die im Geist des alten Amerika groß geworden sind.

Herausragende Vorlesekunst

Dem Übersetzer der ungekürzt gelesenen Romanvorlage - Nicolaus Stingl - gilt gleichfalls Anerkennung, hat er doch beinahe Unmögliches geleistet: Er musste den Roman nicht nur aus dem Amerikanischen, sondern auch aus dem Texanischen übersetzen, und zwar aus einem Texanisch, das vor allem aus Sprach-Vermeidungen besteht: stoisch knapp, schlicht und beinahe fast schon stumpf.

Der akustischen Adaption wiederum gilt besondere Aufmerksamkeit und Achtung, wird sie doch von keinem anderen als der deutschen Stimme Robert De Niros, Robert Redfords, Peter Fondas oder Marlon Brandos, dem Deutschen Hörbuch Preisträger 2005 - Christian Brückner - gelesen.
Brückner eröffnet dem Hörer mit seinem unverwechselbaren Timbre, einen ganz neuen, äußerst intensiven Zugang zu dem Roman um die Faszination des Bösen. Er weiß sich in jede Person intensiv hineinzuversetzen und ihr einen spezifischen Akzent zu verleihen, so dass sie sich für den Hörer beinahe physisch fühlbar mitteilt.

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Egal, ob die absolute Gefühlskälte Chigurhs oder die verzweifelte Intensität der jungen Frau von Moss - Carla Jean - Brückner ist ein "Stimmenspieler". Seine heiserbrüchige, kratzig-spröde Stimme ist unvergleichbar vielschichtig und ausdrucksvoll und kennt eine Unmenge von Zwischentönen: sanft und energisch, warm und weich, rau und klar. Er arbeitet Nuancen heraus, die sich beim stillen Lesen so oft gar nicht erschließen.
Für die Vortragskunst dieses ungeheuer intensiven Buches des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers gibt es nur eine Wertung: Prädikat für herausragende Vorlesekunst.

Fazit: "Kein Land für alte Männer" ist harter Kriminalstoff, aber kein Trash oder Schund. Und das liegt daran, dass Cormac McCarthy ein begnadeter Erzähler und Stilist ist. Ein apokalyptischer Western des Pulitzer-Preisträger, mit Christian Brückner als Sprecher ein ungeheuer eindringliches Werk, das wie ein Sog den Hörer in seinen Bann zieht.

Bibliographische Angaben

Cormac McCarthy
Kein Land für alte Männer

Ungekürzte Lesung

Sprecher: Christian Brückner

Parlando Edition Christian Brückner (April 2008)
7 CDs, ca. 508 Minuten 
ISBN-10: 3935125860
ISBN-13: 978-3935125864
Preis: 34,95 EURO

 

 

 

 

 


Letztes Update: 06-06-2008 17:42

Veröffentlicht in : Hörbuch, Krimi / Thriller
Schlüsselworte : Cormac McCarthy, Kein Land für alte Männer, Christian Brückner, 3935125860, 978-3935125864, Pulitzer-Preis, Oscar 2008, No Country for Old Men, Psychothriller, Roadmovie, Western, Texas
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