In jeder Familie gibt es ein schwarzes Schaf. Jemanden, auf den niemand stolz ist, auf den alle mit dem Finger zeigen. Jemanden, der keine richtige Arbeit hat, keine Familie gegründet hat oder Alkoholiker ist. Oder alles zusammen.
Der Erzähler dieses Buches ist so ein schwarzes Schaf.Er meidet das "ich", spricht von sich selbst als "der Onkel" oder redet den Leser mit "Sie" an, wenn er eigentlich sich selbst meint. Er lebt irgendwo zwischen verschiedenen kurzen Beziehungen, mal allein, mal bei seinen Eltern, zwischen verschiedenen Jobs und in mehreren Bars und Kneipen. Mit Hilfe des Alkohols und kruder Fantasien kämpft er gegen die Langeweile an.
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Ihr Spitzentitel auf
Augenhöhe...
Der Onkel verachtet das Leben der anderen. Die, die sich in einem Job abarbeiten, der sie nicht wirklich ausfüllt; die in einer bequemen, aber spannungsarmen Ehe leben, kurz, das ganze konservative Lebensmuster. Der Erzähler breitet seine Sicht der Gesellschaft vor dem Leser aus: Herdentiere, die sich aus freien Stücken in das Erwerbsleben und die Ehe eingliedern, sich der Langeweile und der Gleichheit ergeben; Menschen, die trotz immer besserer Kommunikationsmöglichkeiten immer isolierter und trotz eines wachsenden Informationsangebotes geistig immer ärmer werden. Einen Gegenentwurf kann er indes nicht bieten – sein eigenes Dasein als Alkoholiker mag ungewöhnlicher wirken, erstrebenswert nennt er es jedoch nicht.
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Direkt beim Leser
- länger im Kopf!
Der Erzähler läßt Station um Station seines Lebens am Leser vorüberziehen: Die kurze Ehe mit einer Polin, eine Anstellung als Lehrer, die Arbeit bei einem zwielichtigen Verlag, eine Phase Anfang 30, in der er wieder zuhause bei seinen Eltern wohnt. All diese Abschnitte tauchen wie aus dem Nebel und verschwinden wieder – so kann der Leser nachempfinden, wie der Erzähler sein eigenes Leben wahrnimmt: verschwommen durch die Brille des Alkoholismus.
All das liest sich bisweilen unzusammenhängend und sperrig, allein der Alkohol zieht sich als roter Faden durch das Buch. Daß dabei nicht das Gefühl der Langatmigkeit aufkommt, ist Mérots ungewöhnlichem Erzählstil zu danken. Wie viele französische Schriftsteller der Gegenwart pflegt auch er die radikale Ablehnung jeder Form von Political Correctness, schämt sich nicht der drastischen Darstellung sexueller Phantasien und lotet – ähnlich wie sein Zeitgenosse Michel Houellebecq – die Leiden eines unangepaßten Individuums in einer auf Anpassung ausgerichteten Gesellschaft aus.
Scharfsinnig, sprachlich brillant und gnadenlos zynisch: Mérot zeichnet mit seinem Roman "Säugetiere" ein bitterböses Gesellschaftsbild. Nicht allein der Alkoholismus des Erzählers wird thematisiert, sondern der Blick auf sein Umfeld, der erst durch dessen Außenseitertum die nötige Distanz erhält. Hinter jedem Satz lauert ein neuer Seitenhieb, eine neue Boshaftigkeit, verpackt in eine Sprache, die funkelt und glitzert wie ein Diamant – so entsteht ein großartiger Roman, der bei allem Zynismus auch viel Wahrheit enthält.