Ein namenloser Mann. Alleinstehend. Systemingenieur. Kein Sex, keine Abenteuer, kein Leben. Klingt ziemlich langweilig, oder? Zumindest empfindet dieser Mann selbst das Dasein als unerträglich öde. Warum er trotzdem in Houellebecqs Bestseller und dem gleichnamigen Film Ausweitung der Kampfzone zu "unserem Helden" wird, liegt an seinem zwanghaften Drang zu philosophieren.
Er kann gar nicht anders. Seine Gedankenmaschine rattert unaufhörlich. Mit einer gehörigen Portion Zynismus und Frustration nimmt er die Gesellschaft unter die Lupe, beobachtet, beurteilt, verurteilt. Immer mehr entfernt er sich von seinem Alltagsleben, seine Depression macht ihn schließlich arbeitsunfähig. Doch selbst in den Gesprächen mit seiner Psychotherapeutin schafft er es nicht, über Persönliches zu reden, sondern bleibt gefangen in seinen Theorien und Analysen.
Seiner Meinung nach bestimmen ausschließlich zwei Systeme die moderne Gesellschaft: Geld und Sex. Ein Kampf um wirtschaftlichen und sexuellen Erfolg entbrennt. Wer bei seiner Bedürfnisbefriedigung scheitert, wird gnadenlos zum Outsider. "In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen ...."
Gleichnis der Entfremdung
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Nah am Buch Michel Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone sorgte Mitte der 1990er für Aufmerksamkeit. Ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt, gilt er als Gleichnis städtischer Entfremdung. Aber nicht jeder Kritiker war von dem Zynismus des Erzählers angetan und man mokierte sich, wie nicht anders zu erwarten, über Frauenfeindlichkeit und Radikalität. Der gleichnamige Film erschien einige Jahre später und hält sich eng an seine literarische Vorlage. Houellebecq selbst erarbeitete gemeinsam mit dem Regisseur Philippe Harel, der auch die Hauptrolle spielt, das Drehbuch. Die Literaturvorlage hat den Film nicht nur inspiriert, vielmehr geht es hier wirklich um eine Umsetzung des Stoffes vom Medium Buch in das Medium Film. Dabei sorgt der stete Einsatz von zwei Off-Erzählern dafür, dass die Sprachkraft des Buches erhalten bleibt.
Gleich zwei Stimmen aus dem Off bestimmen also den Ton: ein klassischer Erzählers, der die Geschichte des Helden begleitet, und die Stimme "unseres Helden" selbst, der seine Gedanken mitteilt. In den meisten Fällen sind Filmproduktionen, die nicht ohne Erzähler auskommen, äußerst suspekt. Es drängt sich dann nämlich das Gefühl auf, sämtliche anderen filmischen Mittel seien unzulänglich und so greife man in letzter Instanz auf eine helfende Stimme zurück. Hier aber handelt es sich nicht um einen Notbehelf, sondern um ein grandios treffliches Stilmittel. Genauso wie das Leben "unseres Helden" durch seine Philosophien bestimmt wird, wird auch der Film durch seine innere Stimme geprägt.
Farblose Welt
So deprimierend die Philosophien, so frustrierend sind auch die Bilder, die am Zuschauer vorbeiziehen. Zigarettenqualm, Plattenbauten, farblose Büros, grausame Krawatten. Dieser Entzug von Licht muss auch beim Publikum seine Wirkung zeigen. Aufnahmen von lieblosem Automatenkaffee oder einem Teller trockener Pommes Frites, einem Klumpen Hackbraten und einer riesigen Portion Mayonnaise liegen schwer im Magen. Lähmend, beklemmend.
Und natürlich darf bei Houellebecq auch kontroverses Bildmaterial nicht fehlen. Schon allein, weil er Franzose ist!? Da wird der Zuschauer überrascht, wenn plötzlich kurze pornographische Szenen über den Bildschirm flimmern. Penetration in Nahaufnahme, ein masturbierender Held in der Toilettenkabine einer Diskothek. Die Ausflüge ins Schlüpfrige sind jedoch nur kurze Szenen, die nicht erzwungen wirken, sondern der Thematik entspringen.
Regisseur Philippe Harel war in dieser Produktion ein wütiges Arbeitstier. Neben der Regie hat er nicht nur am Drehbuch gearbeitet, er spielt auch die Hauptrolle. Das Ergebnis ist brillant, seine Darstellung wirkt erschreckend echt. Das Gesicht strahlt Einsamkeit aus, er verzieht kaum eine Miene (und das muss so sein), schweigt, steht in keinem persönlichen Verhältnis mehr zu seiner Umwelt.
Seltsames Paar
Neben der exzellenten Darstellung Harels spielt José Garcia gekonnt die Rolle des Kollegen Tisserant. Auch er gehört zu den Verlierern, den unbeachteten Mitgliedern der Gesellschaft, ist mit seinen fast dreißig Jahren noch Jungfrau und wird es auch lebenslang bleiben. Doch im Gegensatz zu "unserem Helden" kämpft er. Einen hoffnungslosen Kampf zwar, aber er gibt nicht auf, rappelt sich nach Rückschlägen auf der Suche nach Zuneigung immer wieder auf. In seinen geschmacklosen Outfits, übermotiviert, zu aufdringlich und schleimig läuft er jedem Rock hinterher, erfolglos. Je mehr er sich verzweifelt bemüht, desto peinlicher werden seine Auftritte. Zuletzt versucht "unser Held" seinen Kollegen davon zu überzeugen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das weibliche Geschlecht zu besitzen: Tisserand sollte über eine Karriere als Serienkiller nachdenken. Das Messer ist praktischerweise schon besorgt. Das ist die Konsequenz der Ausweitung der Kampfzone.
Zwei brillante Hauptdarsteller und eine gelungene Mischung an Depression und zart anklingender Ironie. Eine gelungene Literaturverfilmung, die besonders viel Spaß macht, wenn man "Ausweitung der Kampfzone" bereits gelesen hat.
Ausweitung der Kampfzone Buchvorlage: "Ausweitung der Kampfzone" von Michel Houellebecq
Frankreich, 1999
Euro Video/DVD
DVD-Erscheinugstermin: Oktober 2006
Darsteller: Philippe Harel, José Garcia, Catherine Mouchet
Regie : Philippe Harel
FSK: ab 16 Jahren
Spieldauer : 115 Minuten
Sprachen: Deutsch, Französisch
ASIN: B0002DSP98