Bedlam ist die Hölle, das weiß jeder. Patienten werden ruhiggestellt, angekettet, vergessen. Doch das öffentliche Interesse richtet sich auf die berüchtigte Irrenanstalt, als dort ein grausiger Mord geschieht. Doch noch schlimmer ist, dass der Mörder ein Souvenir mitnimmt – das säuberlich abgetrennte Gesicht der Leiche.
Der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ist für die Armen Londons keine gute Zeit. Die Frauen verkaufen sich für ein paar Pennies auf der Straße, die Männer stehlen, morden und kämpfen. Ganz unten stehen die Toten, die aus ihren Gräbern gezerrt und ausgeschlachtet werden. In diesen Verhältnissen tut der ehemalige Captain und jetzige Polizeioffizier Hawkwood seinen schmutzigen Dienst.
In einer dunklen Nacht wird er in die berüchtigte Irrenanstalt Bedlam gerufen. Einer der Insassen, der ehemalige Militärchirurg Hyde, entflieht nach einem grausigen Mord an seinem Besucher. Doch der Fall scheint geklärt, als der Mörder wenig später in einer Kirche verbrennt. Das jedenfalls behaupten die Augenzeugen. Doch Hawkwood zweifelt, als wenig später weitere verstümmelte Leichen in den dunklen Gassen auftauchen.
Nach Der Rattenfänger löst Sonderermittler Hawkwood nun seinen zweiten spektakulären Fall im London des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Nach Straßenraub wendet der Autor sich diesmal einem noch grausigerem Thema zu: Leichenraub. Von Anfang an schafft er eine Atmosphäre der morbiden Düsternis, in denen die Unterwelt mit ihren Huren und Schlägern die entscheidende Rolle spielt.
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Bereichert wird das Thema Leichenraub durch sorgfältig ausgearbeitete Einblicke in die Chirurgie der damaligen Zeit. Dabei bieten die moralischen Bewertungen der Figuren in einem interessanten Widerspruch zu denen des modernen Lesers. Dieses Spannungsverhältnis wird besonders reizvoll dadurch, dass die Hauptfigur Hawkwood, durch deren Augen das Geschehen gesehen wird, erfreulich wenig anachronistisch ist. So mag der Täter durchaus „seiner Zeit voraus sein“, für den Ermittler ist er dennoch ein Monster. Der Leser wird aufgefordert, sein eigenes Urteil zu bilden.
Trotzdem tritt Hawkwood im Vergleich zu dem Vorgängerroman ein wenig in den Hintergrund und gibt den bunt gezeichneten Nebenfiguren mehr Spielraum, die in beinahe verwirrender Fülle auftreten. Dass der Leser sich am Ende ein wenig an die ganz großen Schauerromane der Periode, allen voran Frankenstein und Dr. Jeckyll und Mr Hyde, erinnert fühlt, tut der Spannung nur wenig Abbruch und mag bis zu einem gewissen Grad sogar beabsichtigt sein.
Nur die Frauenfiguren könnten noch etwas vielschichtiger ausgestaltet werden. Einzig die Hure Sal tritt ein wenig aus dem Schatten heraus, doch auch sie erinnert stark an Catherine, die weibliche Hauptfigur in Rattenfänger. Insgesamt wünscht man sich noch etwas mehr Eigenständigkeit, doch liest sich Die Totensammler deutlich komplexer und spannender als der Vorgänger.
Fazit: Atmosphärisch dichter Roman um die Londoner Unterwelt des 19. Jahrhunderts