Auf Sizilien passieren rein statistisch gesehen mehr Verbrechen mit tödlichem Ausgang als im nördlichen Italien. Kein Wunder also, dass es dort besonders viele hartgesottene Kommissare braucht, die für Recht und Gerechtigkeit eintreten und bei ihren Ermittlungen tief im Gestrüpp lokaler Strukturen und teilweise fast anarchischer Traditionen versinken.
Einen dieser Kommissare mit Namen Montalbano hat der sizilianische Schriftsteller Andrea Camilleri geschaffen. Der Polizist ist mit viel Liebe zur gepflegten lokalen Küche und einer ausgeprägten Spürnase für brenzlige Situationen gesegnet. Er hat bereits viele Fälle gelöst und Camilleri wird nicht müde, immer wieder neue Bücher zu veröffentlichen.
Kriminalgeschichten (nicht nur) aus Sizilien haben Konjunktur. Das hat auch der sizilianische Autor Roberto Mistretta klug erkannt und sich nach der Publikation einiger erfolgreicher Kinderbücher nun ebenfalls dem Krimifach zugewandt.
„Der kalte Blick der Rache“ ist der dritte Krimi, in dem sein temperamentvoller sizilianischer Maresciallo Saverio Bonanno der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verhilft.
Mistretta versteht es geschickt, scheinbar divergierende Handlungsstränge im Verlauf einer Geschichte immer näher zusammenrücken zu lassen und irgendwann das Verbindungsglied zwischen beiden zu enthüllen. Im vorliegenden Fall, der sich auf mehr als 300 Seiten entfaltet, geht es einerseits um eine Liebesgeschichte, die der Kommissar selbst erlebt. Doch das Glück wird getrübt, denn ausgerechnet beim ersten Rendezvous mit der neuen Flamme fallen Schüsse und der Maresciallo bekommt viel zu tun. Er ermittelt in alle Richtungen und natürlich spielen, wie im richtigen Leben, Ehebruch und späte Rache, unerfüllte Liebe und Betrug eine zentrale Rolle.
Während der Kommissar in seiner sizilianischen Heimat mühsam die Fäden zu entwirren versucht, beginnen im Kosovo die „ethnischen Säuberungen“. Brutalität, Vergewaltigungen und Mord, kurz alle Schrecken, die den Hass zwischen Menschen und Völkern zu schüren vermögen, rücken ins Blickfeld und gewinnen in der sizilianischen Szenerie Raum und Gewicht.
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Die Geschichte ist spannend und geschickt kombiniert. Doch sie hat trotz, oder vielleicht gerade wegen, des heißblütigen Polizisten und dem sizilianischem Lokalkolorit einen ganz entscheidenden Haken. Das ist eine mit falschen Metaphern und ausladenden Bildern überfrachtete Sprache, die die Handlung schwerfällig macht und vor allem die Lust am Lesen im Keim erstickt. Ermüdende Doppellungen, unnötige Erläuterungen, holprige Dialoge, die sicherlich nicht so in den Gassen oder der Amtsstube gesprochen werden, verstellen den Blick auf das Wesentliche. Wenn dem Maresciallo "der Schlaf entflieht wie eine glitschige Kugel", wenn er "scharfe Stiche in der Herzgegend verspürt, weil er daran denkt, dass ihn seine Frau wegen eines muskulösen Trapezkünstlers verlassen hat", wenn seine Erinnerungen, "wie stinkende Leichen vom Meeresboden auftauchen und dem Kummer Oberwasser geben", er sich aber mit seinen 95 Kilo leicht fühlt "wie ein bunter Papierdrache", dann möchte man entweder zum Rotstift greifen und glätten und straffen, um alles leichter und damit erträglicher zu machen- oder das Buch rasch zur Seite legen, mag dem Maresciallo auch wieder und wieder der Schweiß ausbrechen.
Roberto Mistretta Der kalte Blick der Rache: Maresciallo Bonanno sehnt sich nach Gerechtigkeit Lübbe, April 2008
347 Seiten, gebunden, EUR 18,95
ISBN-10: 3785716109
ISBN-13: 978-3785716106