Lesen ist ein wirklich entspannender Prozess. Man taucht in eine Welt ab und hangelt sich von Seite zu Seite durch spannende Geschichten, tragische Abenteuer und interessante Erkenntnisse. Mit eben dieser Einstellung machte ich es mir auf meinem Sofa gemütlich und schlug J.M. Coetzees neustes Werk auf, das den spannenden Titel "Tagebuch eines schlimmern Jahres" trägt.
Bereits der Klappentext weckte meine Vorfreude auf das Werk. Hauptfigur ist J.C., ein ehemals bekannter Autor aus Südafrika, der nun in Sydney lebt und bittere Kurzessays über den gegenwärtigen Zustand der Welt als Beiträge für einen Sammelband verfasst. Weitere Figuren sind Anya, eine Waschküchenbekanntschaft, die seine Texte in den PC tippt und ihr Freund, ein schlitzohriger kleiner Broker, der J.C. finanziell übers Ohr hauen will. Gespannt schlug ich also die erste Seite auf und wunderte mich nicht einmal über den feinen schwarzen Strich, der sich einmal übers Blatt zog. Gut die Hälfte der ersten Seite hatte ich hinter mich gebracht, als ich schließlich an dem schwarzen Balken hängen blieb. Der Text darunter wollte so gar nicht zu dem halben Satz darüber passen.
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Verwirrt blätterte ich das Buch durch und stellte fest, dass alle Seiten in 2 bis 3 Teile untergliedert ist. Ergo muss man die schwarzen Balken als Hinweis hinnehmen, nun auf die nächste Seite zu wechseln und nach dem Kapitel von vorne anzufangen, um den nächsten Handlungsstrang verfolgen zu können. "Das ist also mit dem kühnen Erzählkonstrukt gemeint", schoss es mir durch den Kopf. Zunächst wanderte das Buch zurück in mein Regal. Da muss man sich doch zu sehr konzentrieren beim Lesen. Schließlich nahm ich mir ein Herz und tauchte in die Welt aus parallel verlaufenden Handlungssträngen ein.
Hat man sich einmal überwunden und auf die ungewohnte Leseweise eingelassen, schlägt einem die überaus präzise und doch kühle Prosa Coetzees entgegen und man erhält einen interessanten Einblick aus nächster Nähe. Das besondere an diesem Buch ist sicherlich sein Erzählstil. Für die einen ist das ein Zeichen großer Kunst, andere werden diesen eher als großes Hindernis beim Lesen ansehen. Wer jedoch keine Probleme damit hat, wird sich über einen großartigen Roman freuen können.