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Verschwunden in Argentinien: Nathan Englander liest in Berlin PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Hummitzsch, am 09-05-2008 12:51
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Ministerium für besondere FälleDie Stille und Ruhe über dem Wannsee, die untergehende Sonne und die Milde des Abends, die gestern eine Lesung in der America Academy begleiteten, erscheinen im Nachhinein etwas unwirklich. Denn was den Eindrücken dieser frühsommerlichen Atmosphäre folgen sollte, war die Vorstellung eines Buches, das alles andere als ruhig, still oder milde ist. Als "Explosion" stellte Gabriele von Arnim das Werk des Amerikaners Nathan Englander vor, die das Gespräch mit dem erst 37 Jahre alten Autoren führte. "Das Ministerium für besondere Fälle" lautet der Titel des Buches, hinter dem sich die Geschichte einer jüdischen Familie in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur 1976 verbirgt. Die amerikanischen Kritiker überschlagen sich seit dem erscheinen des Buches. Der New Yorker erkor Englander mit seinem Romandebüt zu einem der "20 Autoren des 21. Jahrhunderts", die New York Times schrieb gar von der Wiederauferstehung Isaac B. Singers unter dem Namen Nathan Englander. Das Interesse war dementsprechend groß bei einem Autor, dem ein derartiger Ruf vorauseilt.

Dass Nathan Englander gestern Abend seine 239ste Lesung abhielt, war ihm nicht anzusehen. Braungebrannt und bester Laune präsentierte er sich dem ihm geneigten Publikum. Zehn Jahre hatte er an seinem Roman geschrieben. Wie viele Entwürfe des Romans in dieser Zeit entstanden seien, könne er nicht mehr erinnern, verriet er den Zuhörern. Sein Schreiben sei immer ein Prozess gewesen, an dessen Anfang zu keinem Zeitpunkt eindeutig klar war, wie und wohin er sich entwickeln würde, gestand Englander gestern ein.

Das Ministerium für besondere Fälle ist ein massiver und Menschen abweisender Betonklotz im Herzen von Buenos Aires. Es ist die Anlaufstelle für Familien, die auf der Suche nach Verwandten und Freunden sind. Kaddisch und Lillian Poznan müssen sich an ebendieses Ministerium wenden, da ihr Sohn Pablo (genannt Pato) von einer uniformierten Einheit in ihrer Wohnung verhaftet wurde. Doch es gibt keinen Haftbefehl, noch einen Beleg, dass sich Pato überhaupt in Haft befindet; für die staatlichen Stellen existiert er gar nicht. Man fühlt sich hier etwas an die Suche nach dem "Passierschein A 38" aus dem Film "Asterix erobert Rom" erinnert, nur dass hier der bittere Ernst der Lage das Lächeln einfriert. Verzweifelt laufen Kaddisch und Lillian von Dienststelle zu Dienststelle, reihen sich in unendliche Warteschlangen ein und versuchen jeden nur denkbaren Weg, an Informationen über ihren Jungen heranzukommen – vergeblich. Während Kaddisch (eine Anspielung auf das jüdische Totengebet) von Patos Tod überzeugt ist, ist Lillian getrieben von der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn.

Die Auswahl der Romanfragmente, die Engländer (natürlich im englischen Original, schließlich befinden wir uns in der American Academy) zum Besten gab, war vortrefflich gewählt. Geschickt führte er dem Leser mit der kafaesken Beschreibung der inneren Abläufe des Ministeriums die abgrundtiefe Menschenverachtung der argentinischen Militärbürokratie vor Augen. Zugleich gelang es ihm, die Zuhörer mit den grotesk komischen Seitensträngen seiner Erzählung von seiner Begabung überzeugen. Diese tatsächlich witzigen Abhandlungen über die Absurditäten des Lebens als solchem angesichts des alles überwölbenden Themas der argentinischen Gewaltherrschaft, stellen Englanders Roman in die Tradition eines Nikolai Gogol, Franz Kafka oder Jonathan Safran Foers.

"Das Ministerium für besondere Fälle" ist auch eine Parabel des politischen Terrorismus. Ein Plädoyer für das Recht auf Information und ein faires Gerichtsverfahren. Während Patos Eltern keinerlei Informationen über ihren Sohn erhalten, besteht für den Jugendlichen selbst nicht einmal die Möglichkeit, den Grund seiner Inhaftierung zu erfahren, ganz zu Schweigen von der Möglichkeit, sich zu verteidigen. Wie den Poznans ging es tausenden von Familien zur Zeit des „schmutzigen Krieges“. Während der argentinischen Militärdiktatur waren etwa 30.000 Menschen vom Staat entführt und von dessen Schergen getötet worden. Tausende wurden in nächtlichen Aktionen aus Hubschraubern und Flugzeugen in die städtischen Flüsse Rio Paraná und Rio Uruguay sowie in den Atlantik gestürzt. Mit dem Adjektiv „verschwunden“ titulierten die staatlichen Behörden die Menschen, die diesem systematischen Mord an Regimegegnern zu Opfer fielen. Bis heute wissen die meisten der betroffenen Familien nicht mit Gewissheit, was mit ihren Angehörigen geschehen ist. "Das Ministerium für besondere Fälle" ist insofern auch eine Anspielung auf die gegenwärtigen Zustände im amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo, die Englander gestern auch deutlich verurteilte. Auch diese Menschen seien für ihre Familien plötzlich verschwunden und hätten keine Möglichkeit, ein faires Verfahren durchzusetzen, so der Schriftsteller am frühen Abend vor dem Kamin der American Academy.

Es ist am Ende des Abends völlig klar, welch Tiefe und Bedeutungsschwere in diesem Roman liegt. Der Staat ist kein Unschuldslamm und die nahezu wahnhafte Einschränkung der rechtsstaatlichen Regeln im Rahmen des Kampfes gegen den wie auch immer gearteten Terrorismus macht dies deutlich. So ist man im Anschluss doch recht zwiegespalten ob der Häppchengesellschaft, die sich in den Räumen des Hans Arnold Hauses der Academy ausbreitet und sich von der Tragweite des Grundtenors dieses Buches in ihrem Appetit nicht einschränken lässt.

Mit "Das Ministerium für besondere Fälle" ist Nathan Engländer ein fulminanter Debütroman gelungen, der in diesen Büchersommer einschlagen wird, wie eine Bombe. Der Roman fängt den Leser buchstäblich ein, packt ihn am Kragen und lässt ihn, einmal in seiner Hand angekommen, nicht mehr los. Englander kommt aus, ohne detailliert auf die Grausamkeiten des argentinischen Gewaltregimes eingehen zu müssen. Die Erzählung lebt von der verzweifelten Liebe der Eltern zu ihrem verschwundenen Sohn. Jede Seite zieht für sich in ihren Bann und wirft lange Schatten auf die ihr folgenden, denen man geradezu entgegenfiebert – ein wahrer Leserausch.

Bibliographische Angaben

Nathan Englander
Das Ministerium für besondere Fälle
Luchterhand, Mai 2008
445 Seiten, gebunden, 19,95 Euro
ISBN 10: 363087259X
ISBN 13: 978-3630872599


Letztes Update: 09-05-2008 13:01

Veröffentlicht in : Magazin, Kulturnews
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