"Ich hatte sieben oder acht Liter getrunken- das heißt fast einen Liter Alkohol- und war völlig betrunken", gibt der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe in einem Brief aus dem Jahr 1928 über den Besuch des Oktoberfests zu Protokoll. Er geriet mit einigen Männern in Streit, es kam zur Schlägerei und der Autor kam nach dieser "Hölle aus glitschigem Schlamm, Blut und Finsternis" ins Krankenhaus. Dort diagnostiziert man eine leichte Gehirnerschütterung, vier Schädelwunden und eine gebrochene Nase, eine durchaus beachtliche Bilanz nach einem Wiesenbummel.
Zeugnisse dieser Art über München und seine Besonderheiten hat Elisabeth Tworek, Leiterin des Literaturarchivs der Stadt, zu einem unterhaltsam und kenntnisreichen München- Band zusammengetragen. Und um den Stoßseufzer über "schon wieder ein Buch über München" gleich im Keim zu ersticken, hat sie einen durchaus originellen Zugang zur geschätzt wahrscheinlich hundertfünfzigsten Ausgabe über 850 Jahre München gewählt. Der Tatsache bewusst, dass München eine Stadt ist, die das ganze Jahr von Besuchern aus aller Welt überrollt wird, stellt sich die Autorin die Frage, wie die Stadt beim ersten Blick auf fremde Gäste wirkt. Bei ihrer Auswahl an literarischen Texten kommen nicht die Einheimischen zu Wort, sondern die Ausländer, die Gäste aus der Ferne. Ein Tourist aus Japan berichtet staunend nach Hause, dass in der Stadt Liebespaare zwanglos verkehren, eine in der japanischen Kultur merkwürdig anmutende Gewohnheit.
Typische Speisen, die Musik, das Treiben auf dem Tanzboden, Kleidung und Lebensgefühle rechts und links der Isar sind einige der Aspekte, zu denen Elisabeth Tworek Zitate von Künstlern und Literaten zusammengetragen hat. Dabei wird schnell klar, dass die Ansichten über die Stadt sehr verschieden sind.Was beim einen Lobeshymnen auslöst, wird bei anderen mit Verachtung gestraft. Dem einen schmeckt das Bier, andere verteufeln es. Die zu den Textauszügen ausgewählten Fotos erzählen mindestens ebenso viel über die Geschichte der Stadt wie die schriftlichen Zeugnisse.
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Thematisch ist alles vertreten, was auch Nichtkenner mit München verbinden. Das Weißwurstfrühstück darf nicht fehlen, ebenso wenig Bilder von Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Ein Kapitel ist den Straßenkämpfen gewidmet und erinnert- wenn auch sehr kurz geraten und folglich pauschalierend- an die Zeit als "Hauptstadt der Bewegung" während des Nationalsozialismus. Ein Auszug aus dem Tagebuch des Schweizer Schriftstellers Max Frisch aus dem Jahr 1946 ruft das zerstörte München ins Gedächtnis:
"Kamine sind stehen geblieben, eine Badewanne ganz in der Höhe, eine Wand mit verblassten Tapeten, dazu die schwarzen Ornamente von Brand, die Zungen von Ruß, die Fenster voll Ferne und ziehendem Gewölk, voll Frühling."
Auf knapp 300 Seiten rollt die Autorin einen vielfältig changierenden Bilderbogen über München und seinen berühmten Gäste aus. Heiteres vermischt sich mit beißendem Spott, die Bilder nehmen sowohl die Schauseite der Stadt mit Schlössern und Prachtbauten in den Blick, als auch den Schatten und so ist das Buch mit einem abwechslungsreichen Spaziergang durch die Historie und Gegenwart der Stadt zu vergleichen. ".. Und dazwischen ein schöner Rausch" ist ein Buch zum Blättern, für Schaulustige und Flaneure, ein Buch anregend wie eine Einladung in die Stadt, das allerdings den ausführlichen Stadtführer oder- noch besser- den kenntnisreichen Stadtführer – nicht ersetzt.
Elisabeth Tworek "....und dazwischen ein schöner Rausch" Dichter und Künstler aus aller Welt in München Dtv, Mai 2008
288 Seiten, broschiert, EUR 19,90
ISBN-10: 3423344792
ISBN-13: 978-3423344791