Wladimir Kaminers launige Lektionen in Sachen Tolstoi
Nun ist es soweit. Kaminer wagt sich auf das glatte bildungsbürgerliche Parkett. "Militärmusik" und "Russendisko" wurden ihm auf die Dauer wohl zu langweilig. Jetzt hat er es auf die Klassiker der russischen Literatur abgesehen. Leo Tolstoi ist der erste und bestimmt nicht der letzte Schriftsteller, dessen Leben und Werk er ebenso humorvoll wie anschaulich "nachdichten" wird. Für den Literaten aus adeligem Hause sprachen nicht ausschließlich die oft erworbenen, aber selten gelesenen Mammutwerke "Krieg und Frieden" oder "Anna Karenina", sondern vielmehr sein bewegter Lebenslauf. Der hierzulande mindestens ebenso so gut wie schlecht bekannte Dostojewski dürfte wohl Kaminers nächster Kandidat sein.
Was Kaminer über Tolstoi zu sagen hat, ist Literaturhistorikern natürlich längst bekannt. Für literarische Laien mag der gebürtige Moskowiter vermutlich in die "Tiefen der russischen Literatur" hinabgestiegen sein. In Wirklichkeit segelt der selbsternannte Kulturattaché aber "nur" in den gut schiffbaren Regionen der Literaturgeschichte und angelt sich dabei die buntesten Fische. Dabei kann er sich der Ahs und Ohs seiner Leser und Hörer gewiss sein. Sind die Deutschen in punkto russischer Literatur heutzutage nicht mehr allzu sehr bewandert. Dafür aber reichlich gesegnet mit dem Interesse an Kaminers ausgeprägtem Sinn für die kuriosen und denkwürdigen Momente im Leben normaler wie prominenter Menschen.
Anzeige Kein Wunder also, dass Kaminer in gewohnter Ironie sofort die Bedeutung eines Literaten an dessen Bartwuchs bemisst. Und bekanntlich hatte Tolstoi neben Dostojewski den üppigsten unter den russischen Klassikern. Auch Tolstois unheilvolles Ehedrama und seine abenteuerlichen Kriegserlebnisse auf der Krim sind dem versierten Anekdotensucher immer wieder eine originelle Pointe wert. Obgleich er im Kapitel "Tolstoi und Gott" auch einmal ernste Töne anschlägt, überwiegt ein heiterer Grundton. Dass der engagierte Sozialreformer Tolstoi Dorfschulen nach dem Vorbild Rousseaus gegründet und bedingungslose Nächstenliebe und radikale Gewaltlosigkeit "gepredigt" hat, fällt freilich aus dem Wahrnehmungsraster des Populärliteraten. Wie auch noch viele andere interessante, aber ironisch schwerer zu verwertende Episoden aus Tolstois langem Leben. Aber schließlich ist es nicht Kaminers Absicht, seinem Publikum akademische Lektionen zu erteilen. Er will es behutsam statt belehrend auf die literarische Spuren des Großdichters lotsen. Sodass es schon hinreichend darauf gespannt sein wird, was sich hinter den Auszügen aus "Krieg und Frieden", "Anna Karenina" und der Erzählung "Gespräch mit einem Fremden" verbirgt.
So locker wie seine "Berichte" gestrickt sind, wünschten sich Kaminer bestimmt viele als literarischen "Lehrer". Als Hörbuchfan wünschte man sich aber eher einen Interpreten, der die pointierten Texte auch pointiert vortragen kann. Es ist nicht immer von Vorteil, wenn der Schöpfer eines Textes gleichzeitig auch sein Sprecher ist. Zumal Kaminer seine entspannt formulierten Essays allzu angestrengt vorträgt. Aber allein um Tolstoi besser kennen zu lernen, lohnt es sich, diesen beiden CDs für etwa 140 freie Minuten zu lauschen.
Wladimir Kaminer Berichte aus den Tiefen der russischen Literatur. Lew Nikolajewitsch Tolstoi. 2 CDs. Laufzeit. ca. 140 Minuten.
Random House Audio
München 2008.
Preis:19,95 Euro.
ISBN 13: 978-3-86604-875-1
ISBN 10: 3866048750
Kaum ein deutscher Schriftsteller kennt sich mit der russischen Literatur so gut aus wie Wladimir Kaminer. Beginnend mit Tolstoi weiht er in seiner bekannten Weise die Zuhörer in Geheimnisse des russischen Lebens, der Geschichte, der Literatur und der Seele ein, die so noch nie preisgegeben worden sind.