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Ruf mich bei Deinem Namen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Hummitzsch, am 30-04-2008 11:00
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Favoriten 36

ruf_mich_bei_deinem_namen.jpg Liebe unter Männern

Ein Sommer in Italien der niemals enden soll und doch nur sechs Wochen währt. Sechs Wochen voller Sinnlichkeit, Begehren, Leidenschaft und Obsession. André Acimans Roman „Ruf mich bei Deinem Namen“ ist das Zeugnis einer einmaligen Liebe.

Es gibt Momente im Leben, die nie vergehen sollten. Augenblicke, deren Intensität festgehalten werden will, die still nach Ewigkeit schreien und doch zu schnell vergangen sind; die schon Schmerzen der Sehnsucht wecken, noch bevor sie überhaupt begonnen haben; die wie die Schwüle des Sommers nahezu greifbar und zugleich unerreichbar weit entfernt scheinen. Ein Geschenk, sollte man meinen, wenn derlei Momente nicht vergehen wollen, ihr Zauber andauert, in der Luft schwebt, kein Wind aufkommt und sie vertreibt. Doch was macht man, wenn sich diese Augenblicke zu Minuten, Stunden, Tagen und Wochen ausdehnen? Wie geht man mit dieser unbändigen und zugleich erschlagenden, lähmenden Kraft um? André Aciman beschreibt diesen Tanz auf der Klinge in seinem neuen Roman „Ruf mich bei Deinem Namen“. Dieser erinnert aus der Perspektive des adoleszenten Elio an eine Liebe im Sommer, die man wie einen Schatz in sich trägt und auf deren Wiederkehr man wartet – wenn es sein muss, auch ein Leben lang.

Als Elio den Sommergast im Haus seiner Eltern das erste Mal erblickt, ergreift ihn ein lähmendes und zugleich beflügelndes Gefühl. Oliver, ein Absolvent der amerikanischen Elite-Universität Harvard, ist für sechs Wochen in das Haus eingeladen, um dort sein Buch über Heraklit zu beenden. Sofort ist Elio eingenommen von der Präsenz und Schönheit des jungen Amerikaners. Oliver hat nicht nur, wie Elio, jüdische Wurzeln, sondern ist weltoffen, wissbegierig und ebenso bibliophil. Elio scheint in ihm den Bruder im Geiste gefunden zu haben, und doch empfindet er mehr als nur Zuneigung zu ihm. Es beginnt die stille Blüte einer ihm noch unbekannten Knospe, die man gemeinhin Liebe nennt und die er doch viel brennender und intensiver erlebt, als es dieses schlichte Wort Liebe vermuten lässt.

André Aciman beschreibt in seinem aktuellen Roman das Erleben von Liebe und körperlichem Begehren, wie man sie intensiver kaum schildern könnte – voller Hoffen und Bangen, Begierde und Sinnlichkeit, Obsession und Neugier. Aciman ist mit „Ruf mich bei Deinem Namen“ ein packendes und faszinierendes Buch über die Tragweite des seelischen und körperlichen Verlangens gelungen. Er wählt dafür eine Sprache, die sich – quasi in Vertretung für Elio als Ich-Erzähler – nicht entscheiden kann zwischen schüchterner Zurückhaltung und brennendem Verlangen. In ihr spiegelt sich die innere Zerrissenheit Elios, die sich in ihm breit macht, sobald er auch nur an Oliver denkt. Acimans homoerotischer Roman ist von einer heute selten gewordenen erzählerischen Dichte und Intensität geprägt. Die Natur der italienischen Riviera tritt in Acimans Roman fast völlig hinter das Innenleben Elios zurück. Der Ort des Geschehens spielt keine Rolle – es ist das Geschehen selbst, dass den Leser in seinen Bann zieht. Dem New Yorker Autor und Literaturprofessor gelingt so ein packendes Seelenpanorama des von seinen Gefühlen völlig überwältigten Elio.

Dessen stetig wachsendes Begehren scheint zunächst unerfüllt zu bleiben, auch wenn Oliver vereinzelte Signale aussendet, die man ansatzweise als zweideutig interpretieren könnte. Diese Anzeichen sind es, die Elios heimliche Leidenschaft für Oliver – inzwischen eine bittersüße Liebesqual – nähren. In ihm brennt ein verheerendes Feuer, von dessen Existenz keiner etwas ahnt, schon gar nicht der Angebetete Oliver. „Ich hasste dieses Gefühl, so glücklos, so ganz und gar unsichtbar, so verschossen, so unreif zu sein. Sag etwas, berühre mich, Oliver. Schau mich lange genug an, um die Tränen zu sehen, die mir in die Augen steigen. Klopf abends an meine Tür und schau nach, ob ich sie nicht für dich schon einen Spalt breit offen gelassen habe. Tritt ein. In meinem Bett ist immer Platz für Dich.“

Mit dem Entdecken seiner Homosexualität geht eine unverständliche, aber unweigerliche Verzweiflung einher. Ist er tatsächlich homosexuell? Dürstet es ihn wirklich nach Oliver oder verlangt sein adoleszierender Körper schlicht nach ersten Erfahrungen, nach einer Erlösung für das in ihm brodelnde Begehren? Wohin mit all dieser Energie, die aus ihm hinausdrängt? Soll er sich mit seinen Gefühlen an Oliver wenden oder zerstört er damit die vorherrschende sommerliche Idylle? Doch wenn nicht an ihn, an wen soll er sich sonst wenden? Wer kann ihm helfen, seine Gefühle zu verstehen? „Mein Vater hatte äußerst liberale Ansichten – aber auch auf diesem Gebiet? Was blieb mir noch? An einen meiner Lehrer zu schreiben? Zum Arzt zu gehen? Zu einem Seelendoktor? Es Oliver zu sagen? Sonst gibt es niemanden, Oliver, ich fürchte also, es wird Dich treffen.“

Nach und nach kommen sich die beiden Männer näher. Oliver beginnt zu begreifen, dass Elios geheimnisvolle Blicke ihm galten, dass die Sehnsucht in dessen Augen seinen Lippen, seiner Haut, seinem ganzen Körper galt. Eine zärtliche und vorsichtige Romanze beginnt. In jeder ihrer Handlungen entsteht ein Gefühl von Vertrautheit und Gemeinsamkeit. „Wir hörten auf, zwei Männer zu sein, waren nur noch zwei Menschen.“ Olivers vorsichtige und verantwortungsvolle – er ist schließlich der Ältere – Zurückhaltung stößt bei Elio auf Unverständnis und Ungeduld. Die gemeinsamen Stunden mit Gesprächen und Berührungen reichen ihm nicht aus. Immer drängender verlangt seine Liebe nach körperlicher Erfüllung.

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Mitten in dieses Begehren hinein platzt Marzia, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie erlöst Elio von dem Brennen der ungestillten Lust, jedoch ohne ihn glücklich machen zu können. Zwar findet er sich mit ihr in einem kurzen aber intensiven Strudel aus Lust und Leidenschaft wieder, doch drängt es ihn weiter zu Oliver. Mit Marzia kann er das erste Mal sexuelle Leidenschaft empfinden, bei Oliver verspürt er jedoch mehr als nur das. Vertrauen, Tiefe, Sinnlichkeit, Geborgenheit, aber auch Abenteuer, Geilheit und Verlangen sind die Kategorien, die sein Empfinden zu Oliver am besten beschreiben.

Natürlich finden sie sich, leidenschaftlich, intensiv, innig. Kurze Zeit genießt Elio ein doppeltes Liebesspiel mit Oliver und Marzia, fast etwas hochmütig, würde er es nicht für sich behalten. Doch bald gibt es nur noch eine Fixperson: Oliver. Für die beiden jungen Männer beginnt ein Sommer tiefer Gefühle, in dem sie sich aufeinander einlassen, sich einander hingeben und sich in ihrem jeweiligen Gegenüber auflösen und neu gründen. „Ruf mich bei Deinem Namen, dann ruf ich Dich bei meinem.“

André Acimans Roman ist kraftvoll, energiegeladen, spannend, prickelnd, erotisch. Dass es um die Liebe und Leidenschaft zweier Männer geht, tritt völlig in den Hintergrund, gerät zuweilen sogar in Vergessenheit. Wer ein Herz in seiner Brust und in diesem die Liebe eines Sommers trägt, der sollte nicht nur, nein, der muss dieses Buch lesen. Er wird in sich hineinhorchen, sich zurückerinnern und sein Herz schlagen spüren im Rhythmus der Worte, die man in diesem Roman liest.

Bibliographische Angaben



André Aciman
Ruf mich bei Deinem Namen.
Verlag Kein & Aber
Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann.
März 2008
284 Seiten, gebunden, EUR 18,90
ISBN-10: 3036955155
ISBN-13: 978-3036955155

 

 



Letztes Update: 30-04-2008 11:10

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : André Aciman, Liebesroman, Homosexualität, Sommer, Italien
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Benutzerkommentare (1) RSS feed Kommentar
Geschrieben von heikeg, am 02-05-2008 16:38, , Registriert
1. Ruf mich bei deinem Namen
Eine tolle Rezension, großartig geschrieben! 
Danke für den tollen Tipp. 
 
Heike
 
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