Verblasst mit T. C. Boyle ein großer Stern am amerikanischen Erzählerhimmel? Zuletzt versuchte sich der Schriftsteller mit "Talk Talk" müde am Thriller, jetzt legt er mit "Zähne und Klauen" einen neuen Kurzgeschichtenband vor – und bleibt ein weiteres Mal weit hinter den Erwartungen zurück.
Beginnen wir mit den besseren Geschichten in diesem Band. Da ist zunächst die Titelgeschichte, eine Kurzgeschichte wie aus dem Lehrbuch: knappe Einführung, in medias res, außergewöhnliche Situation, Eskalation, überraschendes Ende. Ein Mann, eine Frau, eine Bar, ein wildes Tier. Mehr braucht Boyle nicht, um daraus eine knappe, unterhaltsame Kurzgeschichte zu drechseln, den Leser zu fesseln, die Luft anhalten zu lassen – und dann mit einem sanften Schockeffekt zu enden. Grandios!
Auch "Der freundliche Mörder" hat durchaus große Momente. Ein Radiomoderator im Weltrekordversuch: Mit Hilfe von Kaffee, Cola und den Späßen seines Kollegen will er in einem Glaskasten auf einer belebten Kreuzung länger wach bleiben, als jemals ein Mensch vor ihm. Seine Begleiter sind Schaulustige, Obdachlose, eine mysteriöse Frau, die ihm Liebesbotschaften an die Scheibe hält – und die Dämonen und Wahnvorstellungen, die der Schlafentzug nach einer Weile hervorruft. Dann wieder: ein völlig überraschendes Ende.
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Doch bereits dieses Ende hinterlässt einen leicht faden Nachgeschmack – denn es ist so überraschend, fast schon haarsträubend, dass die zwingende Logik, das Hinführen völlig abhanden gekommen ist. Vielleicht wollte Boyle sich beim Schreiben einmal selbst überraschen, wer weiß. Dennoch: Auch diese Geschichte zählt noch zu den guten in diesem Band.
Wäre dieser Sammelband ein Musikalbum, so wären das die beiden Hitsingles. Der Rest: mehr oder weniger durchwachsenes Füllmaterial, das teilweise wie eilig hingeworfene Rohskizzen für neue Romane wirkt. Wie manche Musiker, so setzt auch Boyle bewährte Bausteine früherer Veröffentlichungen zu neuen Stücken zusammen. "Zähne und Klauen" ist ein Buch wie ein Bon-Jovi- oder Rolling-Stones-Album: handwerklich solide, aber wenig überraschend und nicht gerade von Neuerungen und Innovationen strotzend.
Eine Frau, die unter Hunden lebt, um diese zu erforschen – gab es da nicht schon einmal eine ähnliche Geschichte, nur mit einem Affen? Von den vielen Geschichten über sozial abgestiegene Trinker ganz zu schweigen – bei diesen ist man sich nach der Lektüre noch nicht einmal sicher, wie viele davon es in dem Buch gibt, so ähnlich sind sie ausgefallen. Und eine künstliche Welt, in der sich die Natur ihre Räume zurückerobert – da gab’s mit "Ein Freund der Erde" schon einen ganzen (und noch dazu grandiosen) Roman. Und der Amerikareisebericht aus dem frühen 18. Jahrhundert wirkt wie eine lieblose Aneinanderreihung von " World’s-End"-Zitaten.
Zu hohe Erwartungen? Vielleicht. Doch T.C. Boyle selbst hat mit seinen früheren Büchern die Messlatte so hoch gelegt. Hoffen wir, dass er mit seinem nächsten Buch wieder einen eleganten Satz darüber macht.
T.C. Boyle Zähne und Klauen Hanser Verlag
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Dirk van Gunsteren
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446209956
ISBN-13: 978-3446209954
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